Der Kern christlicher Ethik

Samariter

Papst Franziskus war vor einigen Tagen auf der Insel Lampedusa, um dort der vielen Todesopfer der gescheiterten Bootsfluchten zu gedenken und mit den dortigen Flüchtlingen zu sprechen und mit ihnen Gottesdienst zu feiern.

Ein starkes Zeichen der Aufmerksamkeit und der Barmherzigkeit für diese Menschen, die uns doch eigentlich nur solange im Sinn sind, solange der Fernsehbericht in der Nachrichtensendung dauert.

Die radikale Ethik der Liebe Jesu – verkörpert im barmherzigen Samariter – soll der Gegenstand unseres Nachdenkens sein.

Zunächst wundern wir uns, wie unerschrocken er dem Schriftgelehrten hier auf seine Frage antwortet: Ein Priester ging vorbei und ein Levit ging vorbei. Die geistliche Elite jüdischer Kleriker.

Das Überfallopfer bleibt halbtot liegen.

Die Samariter, Bewohner von Samaria, einem Nachbarland gehörten einer anderen Religion an. Sie waren keine Juden.

Wenn wir das einmal in unsere heutige Zeit übertragen wollten, dann hieße das, dass evtl. ein Priester, Bischof oder auch Diakon an dem Opfer vorbei gingen und z.B. ein Moslem sich dessen erbarmt.

So radikal ist das zu verstehen.

Sicher sollte man dabei auch wissen, dass sich die jüdischen Kleriker mit dem Kontakt zum blutenden Opfer unrein gemacht hätten, was für deren evtl. anstehenden Gottesdiensttermin erst aufwändige Reinigungszeremonien gebraucht hätte.

Und wir staunen über die Fürsorglichkeit und Großzügigkeit des Samariters, der Zeit, Umweg, Mühe, ja, auch finanzielle Opfer auf sich nimmt, um dem Überfallenen zu helfen.

Würden wir so etwas auch tun?

Oder würden wir nicht vielmehr versuchen, rasch professionelle Hilfe zu organisieren?

Wohl zum einen, um dem Opfer die beste Hilfe zu ermöglichen, aber auch vielleicht zum anderen, um uns damit nicht mehr weiter beschäftigen zu müssen?

Am Ende des Matthäusevangeliums wird uns sogar noch verdeutlicht, dass wir auf diese Nächstenliebe sogar verpflichtet werden: Was ihr dem geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan.

Wie ist der Satz von eben zu verstehen, dass in diesem Schriftabschnitt, der Kern der christlichen Ehtik in besonders klarer Weise erkennbar wird?

Dazu müssen wir die Rahmengeschichte betrachten, die oft nur als Rahmenhandlung missverstanden wird, allerdings das Zentrum der Aussage Jesu verdeutlicht.

Wir erinnern uns: Der Schriftgelehrte fragte, um seine Frage zu rechtfertigen: Wer ist mein Nächster?

Bei dieser Frage stellt sich der Fragende unsichtbar in die Mitte des Geschehens und macht sich selbst zum Zentrum der Welt. Ich stehe in der Mitte und schaue um mich herum und frage mich, wer mir wohl am nächsten steht.

Dieser Egozentrismus und diese Selbstverabsolutierung ist genau der Stein, an dem Jesus Anstoß nimmt. Sie ist der Anlass zur Erzählung der Samaritergeschichte.

Und am Ende des Abschnittes fragt Jesus den Schriftgelehrten, wer sich wohl als der Nächste dessen erwiesen habe, der überfallen worden sei und bekommt die Antwort:

Derjenige, der barmherzig an ihm gehandelt hat.

Dann gehe hin und handle genauso.

Haben Sie den Perspektivwechsel gemerkt?

Die meisten lesen zunächst darüber hin.

Wer hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der überfallen wurde? Wer steht hier im Mittelpunkt?

Genau, der Überfallene. Der ist schon da, den muss ich nicht suchen.

Nicht ich habe zu entscheiden, wen ich würdig erachte, mein Nächster zu sein.

Nein, ich bin der Nächste dessen, der mich braucht.

Nicht ich stehe im Mittelpunkt der Ereignisse, sondern die Ereignisse stehen im Mittelpunkt und ich habe zu dienen!

Mein Nächster ist also immer derjenige Mensch, der mich braucht. Und zwar eben genau nicht zu dem Zeitpunkt und an dem Ort, der mir passt, sondern im Zweifelsfall immer und überall.

Das ist das Zentrum christlicher Ethik:

Wir leben nicht für uns selber, sondern wir sind immer für die anderen da.

Ich möchte sogar soweit gehen, dass hier der Sinn des Lebens genannt ist. Den Sinn meines Lebens muss ich mir nicht selber machen oder suchen.

Ich bin für meine Mitmenschen und die Welt da.

Das gibt meinem Leben genug Sinn.

Hier kann ich fruchtbar und heilsam sein, hier kann das Licht beginnen zu leuchten.

Lasst uns leidenschaftlich für dieses Miteinander leben und beten, denn alle anderen Wege führen letztlich in eine kalte und herzlose Welt.

In eine Welt, wo die Beziehungen zerfallen und die Einsamkeits- und Überforderungsgefühle immer stärker werden.

Und in alledem dürfen wir voller Freude sein, dass unser guter Gott genau so ist, wie der barmherzige Samariter.

Er sieht uns, er kümmert sich um uns, er hat Zeit und Geduld für uns, er lässt uns nicht im Stich.

Das ist uns Trost und Ansporn zugleich.