Platzanweisung

Sitzplätze

Eingeladen zu einer Hochzeit oder einer Taufe erscheinen die Gäste. Nach der Begrüßung und einem ersten Schluck Sekt machen sich alle mit prüfenden Blicken auf die eigene Kleidung – und die Kleidung der anderen – auf den Weg zur offiziellen Feier. In der Regel ist das bei solchen Anlässen eine Kirche.

Hier wird schön gefeiert, alle freuen sich und – weil ja ein Festmahl zu erwarten steht und man sich deshalb das Frühstück versagt hat – fängt es langsam an, im Bauch zu brummen.

Nach der Gratulation für die Hauptpersonen begibt man sich gemeinschaftlich zum erlesenen Futterplatz: ein Dorfgemeinschaftshaus, ein Pfarrsaal, ein Restaurant oder ein schön hergerichtetes großes Zimmer zuhause oder auch im Garten.

Aber was dann?

Ratlosigkeit. Man würde sich gern hinsetzen, aber wohin? Manche suchen den Platz am Rand, andere den in der Mitte oder ganz nahe an den Hauptpersonen.

Wer soll wohin?

Zunächst bleiben alle, oder die meisten, stehen und warten auf den Platzanweiser. So ähnlich wie im Kino oder auf manchen großen Parkplätzen. Platzkarten helfen auch.

Warum ist das so?

Weil wir im Innersten schon verstanden haben, was Jesus hier mit seinem Bild über die Selbsterniedrigung meint.

Um einer peinlichen Umsetzung zu entgehen warten wir lieber ab und lassen uns den Platz zuweisen.

Was geschieht, wenn manche forsche Menschen sich einen Platz anmaßen, der für andere bestimmt war, habe ich einmal in einem Reisezug erlebt.

Wir saßen in einem Abteil mit reservierten Plätzen, hielten uns aber noch etwas vor der Abfahrt auf dem Gang im Zug auf. Das Nachbar-Abteil war ebenso reserviert für andere Fahrgäste. Das konnte man an der Belegungstafel ablesen.

Da kamen zwei Leute mittleren Alters uns setzten sich dort hinein. Kurz darauf erschien eine kleine Gruppe von Reisenden und wollten auch hinein, sahen aber die Leute sitzen. Sie stutzten, verglichen ihre Karten mit der Abteilnummer und der Belegungstafel. Dann waren sie sicher und erklärten den beiden im Abteil, dass sie nicht da sitzen dürfen. Peinlich.

Peinlich? Nein. Die beiden beschwerten sich über die Forderung, die Plätze räumen zu sollen. Der Schaffner wurde gerufen. Er bestätigte die Reservierung für die Gruppe und das Pärchen musste das Abteil verlassen.

Peinlich.

Peinlich? Nein. Die beiden beschwerten sich immer noch und beharrten darauf, dass doch noch andere Plätze in anderen Abteilen frei seien für die Gruppe.

Das half ihnen allerdings nichts und sie selbst mussten diese anderen freien Plätze in anderen, nicht reservierten Abteilen aufsuchen.

Den Umstehenden, auch uns, war diese Rücksichtslosigkeit nicht sympathisch. Manche schüttelten den Kopf über dieses Verhalten. Fast wollte man sich für diese Menschen schämen, die das offensichtlich nicht selbst konnten.

Im Himmel gibt es keine Platzkärtchen und keine Belegungstafel. Da gibt es einen höchsten Platzanweiser.

Trotzdem brauchen wir nicht lange wartend herumzustehen, denn Jesus gibt uns – für hier und dort! – eine Platzanweisung schon im Vorhinein:

Suche Dir den bescheidensten Platz aus.

Auf diesem Platz bist Du immer gut aufgehoben und Du brauchst nicht zu fürchten, dass ein würdigerer Dir diesen Platz streitig macht.

Im Kern heißt das nichts weniger, als die Hauptregel:

Sei immer demütig und fühle Dich im Zweifelsfall immer geringer, als der andere.

So ist die Gefahr, überheblich zu werden, schon im Ansatz gebannt.

Interessant ist das ja schon, dass die Kirche offenbar an dieser Stelle wirklich ein Abbild der ewigen Gemeinschaft ist. Hier klappt das nämlich:

Kirchen füllen sich von hinten. Wie oft kommt dann ein stellvertretender Gastgeber und bittet die Menschen nach vorne, in die Nähe des Altares, in die Nähe der Hauptperson Jesus Christus.

Dass wir uns dem lebendigen Gott in Ehrfurcht und Demut nähern, ist sicher angemessen.

Aber wir sollen immer auch bedenken, dass dieser höchste Herr in jedem Mitmenschen lebt: Was ihr den geringsten meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Christus selbst lebt in jedem Mitmenschen, egal welchen Standes, welchen Alters, welcher Hautfarbe und welcher Religion er ist.

Die Selbsterniedrigung im Angesicht des Mitmenschen darf und soll also durchaus ebenso spürbar werden, wie gegenüber dem Herrn selbst.

Im Zweifelsfall wird der Platz, den ich mir gewünscht hätte, direkt vor meinen Augen an einen Mitmenschen vergeben, einen Lazarus, an dem ich vor kurzem noch achtlos vorübergegangen bin.

 

 

 

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