Wer sucht schon ein Schaf? Vom Verlieren und Suchen

Kennen Sie die Geschichten vom Verlieren und Suchen? Im Lukasevangelium findet man gleich mehrere davon.

Da ist eine Frau, die nichts als 10 Goldstücke hat und plötzlich ist eines davon weg. Sie bringt Himmel und Hölle in Bewegung um das gute Stück zu finden. Oder das Gleichnis von einem Schaftshirten, der 100 blökende Viecher beaufsichtigen muss. Eines rennt weg und er muss ihm hinterher.
Nehmen wir die Frau, die das Goldstück verloren hat und stellen wir uns mal in ihre Situation. Sie hat 10 Drachmen. Sie 10 wertvollste Stücke. Was sind Ihre 10 wertvollsten Goldstücke im Leben:
vielleicht Sicherheit: ein sicheres Einkommen, eine gesicherte Existenz
oder eher: Gesundheit – Hauptsache gesund – sagt man.
Oder unsere Kinder
unser Ehepartner, Freund / Freundin
unsere Arbeit, weil sie uns viel bedeutet und viel gibt
geliebt sein und sich angenommen fühlen.

Die wertvollsten 10 Stücke in unserem Leben. Da kann jeder seine eigene Liste machen. Und dann verlieren wir ein ganz Spezielles. Wir haben diese eine Münze ganz aus dem Blick verloren. Wir wissen, sie war mal da – in unserer Kindheit, in dem ein oder anderen Augenblick unseres Lebens, in einzelnen Momenten ist sie glänzend aufgeblitzt. Wie sah sie noch mal aus? Wo ist sie abgeblieben. Was hat sie nur noch mal so wertvoll gemacht?
Wir sind in Versuchung die wertvollste Münze unseres Lebens – den Glauben und die Liebe Gottes – in unserem Leben zu verlegen, weil es uns womöglich so geht wie dem Schafshirten.
Wir sind wie Hirten, denen 100 Sachen anvertraut sind, denen alles mögliche zur Verfügung steht, was gut und wichtig ist. Um 100 Sachen müssen wir kümmern. Nein, es ist eigentlich kein müssen, sondern meisten ein Dürfen. Es ist auch keineswegs unwichtig oder schlecht. Es sind unsere Freunde, unsere Familie, es ist die Lust am Leben. Es ist die Anforderung an uns im Beruf und in der Schule – da kümmern wir uns ganz viel drum.
Heute kümmert man sich auch sehr um diese kleinen Dinger namens smartphone.Schließlich muss man ja jederzeit erreichbar sein. Immer da und präsent. Wir kümmern uns auch oft um unsere Sorgen und Ängste.
Und dann war da doch noch etwas: Eines von diesen hundert Sachen, eines dieser blöden Schafe … ist nicht mehr da. War es das Schwarze, das Weiße, das so grell Blöckende. Was war das für ein Schaf?

Das Volk Israel hatte auch mal was verloren. Es lagerte am Berg Sinai und ihr Anführer Mose ist auf diesen Berg gestiegen, um bei Gott zu sein. Die haben sicher gedacht, der bleibt da mal ein paar Tage und kommt dann wieder. Aber der kam nicht wieder. Schon über einen Monat war der weg. Vielleicht hat er sich verlaufen, ist umgekommen, kommt nie wieder. Irgendwie kann ich die Israeliten verstehen. Wo ist denn nun dieser Gott in unserem Leben? Wo findet sich jemand, der uns zuverlässiges von ihm sagen kann? Die Israels tun das, was viele heute auch tun: Sie suchen sich einen neuen Anführer und suchen sich einen neuen Gott. Sie haben ihren Glauben und ihr Vertrauen in Gott verloren.

Bei Lukas schließt sich noch die Geschichte vom verlorenen Sohn an. Sie wissen: Der Sohn, der vom Vater seinen Erbteil fordert und in die Welt zieht, später dann wieder zurück kommt. Der Sohn ist auch auf der Suche: Er sucht ein erfülltes Leben. Er sucht Freundschaft. Er will sorgenfrei einfach nur Leben und glücklich sein. Das hat er dann auch eine zeitlang und muss dann merken: Irgendwie war da noch was, das mehr ist. Ich habe mich bei meiner Suche verrannt.

Gott treibt uns ständig zur Suche an. Er ist derjenige, der uns zu Fragenden macht. Er will nicht, dass wir bei uns und unserer kleinen Welt stehen bleiben, sondern dass wir nach dieser einen Münze, nach diesem komischen Schaf und nach der endgültigen Heimat suchen.

Wir verlieren alle möglichen Dinge: den Schlüsselbund, den Geldbeutel und brauchen dann auch mal jemanden, der uns bei der Suche hilft. Moses bittet Gott zu vergeben, zu helfen, die Suche zum Ziel zu führen. Wo das dann gelingt, da ist Gott kein nachtragender, sondern ein vergebender Gott. Seine Freude über unser Finden, erfüllt den ganzen Himmel.
Dieses Bitten und Hinwenden zu Gott, das nennt die Bibel Umkehr – Neu-Ausrichtung – Versöhnung.

Es bleibt noch eine entscheidende Frage: Was ist das Wertvolle an der verlorenen Drachme, dem Schaf und dem alten Vater ? Man kann sagen: Es ist der Glaube an Gott. Was ist das? Worin liegt das Wertvolle an dem scheinbar so wichtigen Glauben?

Glauben ist nicht irgendwie etwas für wahr oder falsch halten. Glauben ist Vertrauen, Sich-sicher-sein und verwurzelt sein in einer Macht, die alles Denken übersteigt und die sich mir in absolute Liebe hingibt. Eine Macht, die tatsächlich fähig ist mein Verloren-Sein aufzufangen. Eine Macht, die es in sich hat, meine inneren Wunden und Verletzungen zu heilen. Ja, die sogar fähig ist, das zu richten, was ich an Unheil in die Welt gebracht habe.

Am 14.9. war das Fest „Kreuzerhöhung“. Ein komischer Name. Was will er ausdrücken?

Wir haben alle so unsere Kreuze, die wir mit uns rumschleppen. Unsere Eigenarten, Krankheiten, Behinderungen und Beschränktheiten. Manchen ertragen tagtäglich Schmerzen, sind in Depressionen gefangen. Andere stehen finanziell am Rand und sind ausgeschlossen. Es mag welche geben, die unter der Ignoranz und Gehässigkeit leiden. Möglicherweise kommen einige auch von ihrer Schuld nicht mehr los. All diese Kreuze wechseln im Laufe der Zeit ihre Farbe, sie werden größer oder kleiner – aber gehen nie weg. Kreuzerhöhung will sagen: Alle Kreuze dieser Welt werden herausgehoben, entwurzelt und zerbersten im Anblick der Liebe Gottes. Sie explodieren und es bleibt nur der Lichtblitz und das sanfte Leuchten der Gnade Gottes.

Augustinus meint: „ Auf dich hin – Gott – bin ich geschaffen; und unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir“
In einem Lied heißt es: „Dass die Herzen ganz zu dir gezogen werden“. Dass wir mit unserem Innersten und unserer ganzen Person – alles was uns ausmacht: in Gottes Herrlichkeit und Vollendung hinein gezogen werden.

Und in einem anderen Lied singt man: „So spricht Gott sein Ja“ Gott spricht sein Ja zu Dir. Er bejaht dich ganz und gar. Dieser Gott ist nicht einfach nur so mal Mensch geworden, sondern er bindet seine ganze Gottheit an den Menschen. Er bindet sich mit seiner Existenz ganz an Dich. Er will dich erfüllen mit seiner ganzen Kraft der Sicherheit, der Ruhe und Zusage: Du bist mein – Nichts in dieser Welt kann dich in deinem eigentlichen Wert zerstören. Es ist ein Frieden ganz eigener Art. Ein Frieden des Ruhens und des Schweigens, und des Erfüllt-Seins.
Deshalb lohnt es sich nach der Drachme zu suchen, dem Schaf hinterherzurennen und zum alten Vater zurückzukehren.

 

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