Tratsch- und Klatsch am Jakobsbrunnen: Begegnungen im Geist und in der Wahrheit

Jesus trifft an einem Dorfbrunnen auf eine Frau und steht mitten in einer jahrhundert alten Fehde zwischen Juden und Samaritern.
Einen jahrelangen Streit zu schlichten ist schwer. Seien es die Zerwürfnisse in einer Familie oder der Nachbarschaft. Es geht um Verletzungen und Kränkungen, die ihm Laufe der Jahre angehäuft wurden. Es gibt Misstrauen, Vorwürfe und Verachtung auch zwischen Volksgruppen – denken wir an die Ukraine/Krim oder den Streit zwischen Israel und Palästinensern. Das gleiche gibt es auch zwischen den Religionen und Konfessionen. Wir werden hellwach, wenn sich in unserer Nachbarschaft Muslime ansiedeln, die evtl. sogar noch mit langem Bart, Käppchen und Schleier daher kommen.
Eine Streit lässt sich nur schlichten, wenn man ihn versteht. So müssen wir auch erst mal verstehen, worum es zwischen Samaritern und Juden ging. Samarien ist nämlich eine aus jüdischer Sicht künstliche Provinz die im 8. Jht v.Chr. durch die Assyrer entstanden ist. Ursprünglich war es das Gebiet Israels, des Nordreiches, in dem verschiedene Stämme Israels angesiedelt waren. Die Assyrer hatten das Land erobert und alle Juden deportiert. Im Gegenzug hatten sie dort 5 andere Völker angesiedelt. Diese vermischten sich mit dem kleinen Rest der verbliebenen Juden und es kam zu einer regelrechten Misch-Religion. Man betete die fremden Götter an und daneben JHWE. Man kannte ausschließlich die 5 Bücher Mose und Mose war der einzige Prophet. Die Unterschiede führten dazu, dass das Südreich – Juda mit dem Tempel in Jerusalem die Samariter ausgrenzten. Im Gegenzug errichteten die Samariter auf ihrem Gebiet – dem Berg Garazim – einen Tempel.
Also eine echt verfahrene Situation, in die Jesus sich da begibt. Er geht nicht zum Bürgermeister oder der Ratsversammlung, sondern er geht an den Ortsbrunnen. Das war der Treffenpunkt für Tratsch und Gespräche schlechthin. Jesus geht ohne Bedenken und Vorurteile auf die Samariterin zu – also eine Frau. Noch so was. Er als Rabbi redet in der Öffentlichkeit eine fremde Frau an. Allein das war ja schon anstößig. Das Schlimmste scheint aber noch zu sein, dass sie 5 Männer hatte. Vordergründig wird sie so zu einer Hure, zumindest einer zutiefst anrüchigen Frau.
Die Frau mit den 5 Männern wird aber auch zum Bildnis für uns, die wir lebenshungrig und lebensgierig sind. Wir hungern doch alle nach menschlicher Nähe, Zärtlichkeit, Anerkennung, Zuneigung, Schutz, Sicherheit und Liebe. Immer wieder kriegen wir einen Happen davon ab, und müssen dann feststellen, dass es nur ein Geschmack davon war, aber nicht alles. Wir sehnen uns nach Frische und dem wohltuenden Prickeln, aber die nüchterne Realität holt uns ein.
Die 5 Männer der Frau sind auch ein Bild für die 5 fremden Götter, die mit den Assyrern ins Land gekommen sind. Die Frau sucht Schutz und Heimat bei allen 5 Göttern und auch noch bei diesem Gott JHWE. So ganz klappt das aber auch nicht.
Dann bittet Jesus gerade diese Frau um Hilfe. Er gesteht quasi ein, dass sie ihm etwas zu geben hat, was er jetzt braucht. Dafür bietet er ihr etwas an, was sie nur erahnen kann.
Jesus hebt die Trennung der 2 Tempel und die Trennung zwischen Juden-Samaritern auf. Er macht den Blick frei auf den alles umfassenden Gott, den letztlich nichts und niemand erfassen kann. Wir besitzen Gott nicht. Wir können ihn nicht in Tempeln, Kirchen oder Rituale einsperren. Wir können ihn nur suchen. Christus überwindet die Abgrenzung und sagt der Samariterin zu: „Was du suchst und brauchst, steht vor dir“. Wir finden Gott in der Anbetung Gottes „im Geist Gottes und im Geist der Wahrheit“. Gott schenkt sich uns in seinem hl. Geist. Unser bisschen Verstand reicht nicht aus. Gott selbst muss uns seinen Geist geben, damit wir seine Nähe und Gegenwart erfahren. Wenn es nur unser Geist und Verstand ist, dann bleiben wir auch allein bei unserer Wahrheit. Unsere Wahrheit ist nie wirklich vollständig. Da ist die Versuchung, dass wir uns unsere eigene Wahrheit zusammen suchen. Mal was von dem, mal was von jenem. Das ganze gut durch gerührt und mit etwas Katholischem gesalzen. Das wäre unsere Wahrheit. Aber nur seine Wahrheit kann beanspruchen wirklich wahr zu sein.
Christus tritt uns -wie der Samariterin – gegenüber und sagt mir die Wahrheit: über mich und über meine letzte Bestimmung in Gott. Es ist eine Wahrheit, die schmerzen kann, wenn sie nicht unseren Vorstellungen entspricht. Es ist eine Wahrheit, die erleichtert, wo sie die Lügen über uns, und unsere eigenen Lügen. aufdeckt. Die Wahrheit macht einen stark, wo sie Zweifel zerstreut und uns bestätigt wird: Ja so ist es!
Bei aller Aufhebung von Trennendem, ist Jesus nicht derjenige für den alles irgendwie gleich ist, sondern er ist einer alles entscheidenden Wahrheit verpflichtet. Er sagt nicht, dass es egal ist an was wir glauben. Es ist nicht gleichgültig ob ich jetzt Hindu, Muslim oder Buddhist bin. Der einzige Gott JHWE steht nicht gleichberechtigt neben Allah, Buddha oder Shiva. Jesus erkennt aber in allen Religionen und Menschen die Sehnsucht nach vollendetem Leben. Unser Leben wird schal, wie Wasser das abgestanden ist. Sein Leben ist sprudelnd und voller Bewegung, wie ein Gebirgsbach aus frischer Quelle. Die Sehnsucht der Religionen und Menschen erfüllt sich in ihm: „Ihr betet an, was ihr nicht kennt, wir beten an, was wir kennen; denn das Heil kommt von den Juden.“ Das Heil kommt von Christus zu jedem der es annehmen will. Es kommt zu jedem, dem er es schenkt. Darüber verfügt nur er – nicht wir.

Was die Frau wirklich zu bieten hatte, war nicht das Wasser, sondern ihr Zeugnis. Sie geht ins Dorf und erzählt von dem seltsamen Menschen, den sie getroffen hat. In der Begegnung mit Christus erkennen dann viele den Geist, die Speise und die Wahrheit, die ihnen in Jesus Christus gegenüber steht.

Was können wir aus diesem Evangelium mit nach Hause nehmen?

1) Jesus braucht jeden von uns, er spricht uns an und fragt nach unserer Hilfe. „Gib mir zu trinken“- Wenn wir ablehnen, dann setzt er sich halt zum Nächsten und fragt den.
2) Christus hat uns was zu geben: Die Wahrheit über unser Leben und unsere Zukunft, als eine Zukunft in lebendiger Frische. Eine Zukunft in der Einheit mit dem Leben schaffenden Geist Gottes.
3) Gehen wir ruhig zu den Orten, an denen sich heute die Leute treffen. Der Ortsbrunnen heute ist der Sportverein, facebook, die Arbeitsstelle, der Alltag.
4) Haben wir keine Angst vor Begegnungen mit Leuten anderer Ansichten, Religionen oder Konfessionen oder auch Atheisten. Haben wir keine Angst von Christus zu erzählen und uns zu ihm zu bekennen.
5) Den Rest überlassen wir Jesus, denn – so sagten die übrigen Dorfbewohner zu der Frau – Nicht mehr aufgrund deiner Aussage glauben wir, sondern weil wir ihn selbst gehört haben und nun wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt.“

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