Leere Räume

Leerer Raum 1

In Steinbach/Odenwald entdeckte ich durch Zufall diese 1200 Jahre alte Einhards-Basilika oder besser das, was von ihr übrig war. Außen stehen noch zum größten Teil kräftige Mauern. Innen zeigt sich — ein vollständig leerer Raum. Ein ganz und gar leerer Raum, der mich anzog und den ich von da an jeden Tag besuchte.

Ich entdecke und sehe solche Kleinode zumeist nur im Urlaub und Momenten der Ruhe. Sie regen zum Nachdenken an. Die Einhards-Basilika liegt in einem solch unscheinbar kleinen Ort, am Rande, ohne viel Werbung. Ich bin mit dem Fahrrad fast an ihr vorbei gefahren.

Einige Gedanken hielten mich fest:

Vordergründig erinnert die Leere der Basilika an die Leere in unseren Kirchen, die personelle Leere in den Gemeinden und die Frage, ob unsere Kirchen und Gemeinden in 15 Jahren genauso leer sein werden. Es kommt der Schrei auf, Gottes Geist möge diese Räume wieder mit Leben füllen. Umgekehrt erzählt der leere Raum davon, dass Kirchen durchaus „entleert“ werden dürfen, weil sie an anderer Stelle, mit einem anderen Gesicht neu entstehen.

Etwas anderes erscheint mir noch wichtiger:

Umhüllt von dicken Mauern, zeigt sich auch in uns ein Raum. Bei einigen wird dieser Raum voll gestopft sein, ausgefüllt, vielleicht überfüllt mit der eigenen Geschichte, mit Vorstellungen, Ritualen, Bildern, Zielen, Geschäftigkeit, Sorgen, Hoffnungen und Erinnerungen.

Dieser Raum ist leer. Man ahnt nur, dass hier einmal betende und singende Menschen den Raum ausfüllten. Man kann sich vorstellen, dass Weihrauch die Luft erfüllte, Menschen nieder knieten und die Hände zum Himmel erhoben. Nichts davon ist mehr da.

Leerer Raum 2

Die Torbögen sind zugemauert – an einer Stelle sind ein paar Steine ausgebrochen, als wollten sie den Blick frei geben. Ein paar verwitterte Grabsteine von frommen Frauen sind aufgestellt – wohl die letzten Erinnerungen an eine lebendige Gegenwart.

Leerer Raum 3

Wie viele Jugendliche und jungen Frauen und Männern entdecken irgendwann einen solch leeren Raum in sich. Sie stellen fest, dass sie von all den Riten, Vorstellungen und Gottesbildern nur noch zugemauerte Torbögen, alte Grabsteine und einen groben Umriss vorfinden. Nichts davon sagt ihnen noch wirklich etwas. Mit was füllen sie ihren leeren Raum auf?

Bei wie vielen Menschen ist der Raum so voll gestopft, dass nichts mehr rein passt. Kein Platz mehr für das Überraschende, das Neue und das Wirken eines Raum-füllenden Geistes? Kann man Geist Gottes irgendwie erahnen und erfahren? Wie und wo soll das gehen?

Ich weiß nicht, wann der Raum der Einhards-Basilika das letzte mal gefüllt wurde. An diesem Mittag wurde er wieder gefüllt von Psalmengesang und Hymnus. In meinem ganz eigenen Raum der Stille und Leere klingt es noch nach:

 

Gottes Größe und Erbarmen

Du höchster Herr der Ewigkeit

In Ehrfurcht beugen sich vor Dir

der Himmel und das Erdenrund

und selbst die Unterwelt bekennt:

Du bist der Herr der ganzen Welt

Dir, Herr sei Ruhm und Herrlichkeit, dem Sieger,

der alles bedrohliche und tötende der Welt überwand ,

dem Sieger, der an Gottes Seite thront,

dem Vater und dem Geist zugleich

durch alle Zeit und in zeitloser Ewigkeit. Amen

Ps. 113

Halleluja – Preist den HERRN!

Ihr seine Kinder, preist ihn!
Rühmt seinen großen Namen!
Dankt eurem mächtigen Herrn,
jetzt und in aller Zukunft!
Von dort, wo die Sonne aufgeht,
bis dorthin, wo sie versinkt –
überall werde der HERR gepriesen!
Herrscher über alle Völker ist der HERR,
seine Herrlichkeit überstrahlt den Himmel.

Wer im Himmel oder auf der Erde
gleicht dem HERRN, unserem Gott,
ihm, der im höchsten Himmel thront
und hinabschaut in die tiefste Tiefe?

Den Armen holt er aus der Not,
den Hilflosen heraus aus seinem Elend
und gibt ihm einen Ehrenplatz
bei den Angesehenen seines Volkes.

 Der Frau, die keine Kinder haben konnte,
verschafft er ein sicheres Zuhause
und macht sie zu einer glücklichen Mutter.

Preist den HERRN – Halleluja!

Ist das nicht bizarr, geradezu grotesk und widersinnig. Gottes Größe zu loben in einer verfallenen Kirche, die nur noch als Ausstellugsstück, Museum und Zeuge einer längst vergangenen Zeit ist?

Ich habe diesen Ort mit einer großen Ruhe und einem inneren Frieden verlassen.

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