ars moriendi – Gräbersegnung 2015

Herbst-ars moriendi

„Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine,
wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer,wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“ 1 Kor 7, 28

Der Lesungstext ist für sich genommen schon nicht ganz einfach. Eine Verbindung zu Allerheiligen – Gräbersegnung – Totengedenken scheint weit hergeholt. Und doch passt er, weil mein Vater mir die letzten Jahre und insbesondere die letzten Monate seines Lebens noch eine Lehre verpasst hat. Sie fragen sich, was so ein alter, gebrechlicher Mann, der nicht einmal die einfachsten Dingen des Lebensalltags selbständig beherrschen konnte, einen noch lehren kann? Eigentlich doch nichts mehr. Er hat mich dennoch etwas gelehrt, wofür das Mittelalter eine speziellen Begriff hatte: ars moriendi  – die Kunst des Sterbens

die Kunst eines gelingenden Todes

die Einübung des Sterbens

Vielleicht denkt man hier zuerst an das Sterben selbst:

  • Trost, Hilfe, Respekt, Beistand und Würde in den letzten Tagen und Wochen
  • schmerzfreiheit und Palliativmedizin
  • Hospiz und Begleitung

Das gehört dazu. Es ist aber noch mehr.

Der Mensch des Mittelalters hatte Angst vor einem unerwarteten Tod. Er fürchtete sich davor, ohne seelische Vorbereitung und christlichen Beistand zu sterben. Er hatte Angst vor Hölle und Fegefeuer. Man könnte meinen, dass sich an dieser Stelle meine Predigt schon erledigt hat – weil wir doch über all diese Ängste heute nur noch lächeln können. Doch jeder von uns ist weit entfernt davon angstfrei auf seine letzten Jahre zu zu gehen. Haben wir nicht alle Angst vor Abhängigkeit, Fremdbestimmung, Bettlägrigkeit, Demenz und der Angst für andere nur noch eine Last zu sein?

Auch mein Vater war sein ganzes Leben hindurch werkelnder und schaffender und selbstbestimmt lebender Mensch. Immer wieder hatte er gesagt: „Wenn mir so etwas nur erspart bleibt. Lieber möchte ich erschlagen werden“ – und dann kam doch alles anders. Meine Eltern sind mir ihn ihrem hohen Alter noch einmal zu Lehrmeistern der ars moriendi geworden.

Es ist die Kunst, loslassen zu können. Es ist die Kunst, das Leben vom Tode her zu betrachten – bei aller pullsierender Lebendigkeit, die Endlichkeit vor Augen zu haben.

Was muss man nicht alles ständig loslassen.

Als junger Mensch lässt man die Eltern los und die Eltern müssen lernen die Kinder los zu lassen. Sie müssen eigene Wege gehen, und die Eltern bleiben zurück. Sind Helfer im Hintergrund und Notfall – aber nicht mehr im Mittelpunkt.

Wir lassen manche Arbeit oder Arbeitsstelle hinter uns.

Manche sind gezwungen, ihre Liebe und Ehe los zu lassen.

Andere verlassen ihre Heimat und Freunde in dem Wissen niemals je wieder dorthin zurück zu kehren.

Wir verlieren unsere sportliche und körperliche Leistungskraft.

Das Seh- und Hörvermögen lässt nach.

Wir können nicht mehr so schnell mithalten, brauchen länger bis wir Neues verarbeitet haben.

Die Arbeit wird losgelassen.

Unsere intellektuellen Kapazitäten lassen manch einen zunehmend im Stich.

Der Führerschein muss abgegeben werden

die Arztbesuche koordiniert die Tochter und erklärt, was der gemeint hat.

Man gibt ständig eine Fähigkeit nach der anderen ab.

Ist das nicht traurig und zutiefst deprimierend?

Meine Eltern haben mich das Gegenteil gelehrt. All diese Dingen zeigen unsere Beschränktheit und zerstören unsere Allmachtsträume. Sie zwingen uns, dass wir unsere eigene Gebrechlichkeit einzugestehen. Sie geben aber auch Raum, um die Schönheit im Kleinen zu entdecken. Ich hätte nie gedacht, dass mein Vater mal sagen würde, er freue sich auf jeden Morgen, weil er dann die Sonne wieder sieht und die Blumen und die Vögel beobachten könne. Es wird Raum geschaffen für einen Blick der Dankbarkeit auf die Dinge, die man erleben durfte und die Freude über den Besuch der Enkelkinder. Es ist eine Lehrstunde des Lebens, sich seine eigene Hilfsbedürftigkeit einzugestehen und fähig zu werden, Hilfe anzunehmen. Ja dann, für fremde Hilfe dankbar zu sein. Ich glaube mittlerweile, dass die Leistungen, die hier erbracht werden, größer noch sind als manch eine Arbeit, auf die das Erwerbsleben so stolz ist und die angeblichen Erfolg, die man vor sich her trägt.

Ars moriendi weiß um die Endlichkeit unseres Lebens, die Notwendigkeit Loslassen zu können – letztlich das eigene Leben loszulassen. Letztlich den sterbenden Ehepartner loszulassen – im tiefen Vertrauen auf Erlösung und der Heimat in Gottes Herrlichkeit.

Genau davon spricht auch der Lesungstext:

Er fordert uns auf, nichts in unserem Leben zu vergöttern – erst recht nicht uns selbst. Er ruft uns in Erinnerung, dass alles in dieser Welt vergänglich ist. Er fordert uns daher auf, dass wir bereit sind, alle Dinge des Lebens loszulassen. Nicht weil sie nichts wert wären – Das auf keine Fall. Nein sie sind sehr, sehr viel wert, weil sie Geschenke Gottes an uns sind. Sie dürfen nur nicht den Blick darauf verstellen, dass das eigentliche Geschenk Gottes an uns hinter der Welt liegt. Oder besser gesagt: In jedem Fall noch vor uns liegt. Der Text ist eigentlich hoch aktuell, weil gerade in unserer Zeit die greifbaren Dinge und handfesten Tatsachen allein gültigen Charachter zu haben scheinen. Das lehnt Paulus ab und fordert seine Leser auf Christus in den Blickpunkt zu stellen, ihn zur Mitte unseres Lebens zu machen und Christi Sache zu unserer eigenen zu machen. Nicht das, was wir Haben macht unsere Würde aus. Keine Trauer sollte uns verbrechen lassen. Selbst die Liebe zu unserem Ehepartner und Kinder hat nur Bestand, wenn sie in Gott diese Welt überdauern kann. Für all das haben wir nicht unendlich Zeit, sondern nicht mehr und nicht weniger als unsere Lebenszeit im hier und jetzt.

Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine,

nicht weil, die Liebe nichts zählt, sondern weil die Liebe nicht in dieser Welt – sondern vor Gott vollendet wird.

wer weint, als weine er nicht,

        • nicht, weil es hier nichts zu betrauern gibt, sondern weil in Gott alle Tränen getrocknet werden

wer sich freut, als freue er sich nicht,

nicht, weil wir hier nichts zu lachen haben, sondern weil Gottes Freude größer ist als jede Freude, die wir uns vorstellen können.

wer kauft, als würde er nicht Eigentümer,

weil unser größter Besitz die Liebe und Gnade Gottes in Jesus Christ ist.

wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.

Nicht weil die Welt nur schlecht ist, sondern weil sie – wie unser eigenes Leben – geschenktes Glück auf Zeit ist. Sie gibt uns Gelegenheit zu wachsen, zu reifen und heilig zu werden. Sie gibt uns die Möglichkeit uns für die Liebe Gottes zu entscheiden und unser Leben in all seiner Buntheit vertrauensvoll in seine Hände zu legen –

In Glauben – in zuversichtlicher Hoffnung – in antwortender Liebe

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