Das eigentlich Christliche – Was unterscheidet uns? Ein Gastbeitrag von Dr. Klaus Obenauer

Unlängst erschien hier aus dem tagesaktuellen Ringen heraus ein Beitrag zur Frage des spezi­fisch Christlichen. An dem, was der Verfasser dazu schreibt, habe ich nichts auszusetzen (von irgendwelchen Details abgesehen, da jeder das und jenes ein wenig anders sieht).

Zumal durch den Autor selbst im privaten Gespräch dazu angestoßen, habe auch ich ein we­nig nachgedacht.

Auf eine Formel bringen kann man das Unterscheidend-Christliche weder nach Lehre noch nach Leben: wir bekommen unseren Glauben und dessen authentische Praxis nicht abschlie­ßend auf den Be­griff. Wir können nur markante Aspekte aufzeigen, die den Blick auf das Ganze freige­ben (auf dass sich solch diversen Aspekte dennoch gegenseitig durchdringen). Was wäre ein solcher Aspekt?

Ich meine, es ist ratsam, den Einstieg bei einem existentiellen En­ga­gement zu nehmen, das für den echten Christen typisch ist: Martyria, was auf Deutsch erst einmal „Zeugnis“ bedeu­tet. Im Neuen Testament sagt es Jesus selbst: Nachfolger und Jünger Jesu, der Seiner nicht unwürdig ist, ist nur der, der ihm sein Kreuz nachträgt. So sehr sich das schon auf das Kreuz des Alltags be­zieht (vgl. Lk 9,23), hat diese Nachfolge dennoch ihr ureigenes Gefälle: sich zu Ihm, dem Men­schensohn zu bekennen, sich Seiner nicht zu schämen, auch um den Preis, das Leben zu ver­lieren. (siehe: Mt 10,32-39 sowie 16,24-28; Mk 8,34-38; Lk 9,23-27 sowie 14,26f.)

In gewis­ser Überspitzung wage ich zu sagen: All das andere, die Praxis konkreter Nächsten­liebe, die Zuwendung zu den Anderen, Hilfsbedürftigen etc.: es ist eigentlich nur das selbst­verständli­che Fluidum, in dem sich die christliche Gemeinde bewegt. So richtig „bei sich selbst“ – wenn ich das mal so formulieren darf – ist christliche „Ex-sistenz“, ist das das Leben des Christen auszeichnende Heraustreten-aus-sich erst in solcher Mar­tyria. Sie meint das zeugen­haf­te Eintreten für Ihn, für Christus gerade dort, wo es was kos­tet: wo und wann es auch immer sei, vom geduldigen Tragen des Kreuzes, das der Alltag und schon ein­mal die Mitmenschen sind, bis hin zum Risiko, erhebliche existentielle Einbußen bis zum Le­bensver­lust zu erleiden. Dieses Eintreten für Ihn in Tat und Wort dort, wo es unver­tretbar auf mich ankommt, wo ich „gestellt“ bin, das macht Christ-Sein im Kern aus (wenn­gleich dies keine Ex­klusivformel sein will: s.o.).

In der Mitte christlichen Lebens verortet ist solche Martyria deshalb, weil sie sprichwörtlich „Stunde der Wahrheit“ ist: in ihr ereignet sich Wahrheit: der Zeuge lässt sich von der Wahr­heit, für die er einsteht, in Beschlag nehmen. In diesem Sinne ist die Frage „Warum bin ich Christ?“ schlicht so zu beantworten:

Christ bin ich, weil es mir um die Wahrheit geht. Ein programmatischer Vorzug, ein attrakti­ver Inhalt, den meinetwegen die Moslems nicht haben, das allein legitimiert kein Christsein bzw. weist keinen Vorzug desselben aus. „Moslem oder Christ?“, das ist nicht wie: „SPD oder CDU?“.

Ja, welche Wahrheit denn? „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38)

Und da haben wir schon den Bogen zum Evangelisten Johannes geschlagen. Im Christ-Sein geht es um die Wahrheit Gottes, die mit und in Christus erschienen ist: Er, Christus, ist diese Wahrheit: Joh 14,6. In Ihm, dem fleischgewordenen Logos Gottes, schauen wir die Herrlich­keit Gottes, wie sie der Eingeborene vom Vater her hat: „voll der Gnade und – Wahrheit“ (Joh 1,14).

Mehr geht nicht – mehr geht wirklich nicht.

(Dass dieser Anspruch legitimiert ist: das setze ich voraus – wir betreiben hier keine Apologe­tik – wir verständigen uns hier erst einmal un­ter uns, als Christen; was deshalb die anderen nicht ausschließt.)

Diese Offenbarkeit der Wahrheit Gottes in ihrer Fleischwerdung: das gilt es zu bezeugen: Wir folgen darin Ihm nach, der sich vor Pilatus selber als jenen ausweist, der als sterblicher Mensch gekommen ist, für die Wahrheit – die er ist – Zeugnis abzulegen (Joh 18,37). Diese Nachfolge reiht uns geradewegs ein in eine hehre Galerie: angefangen von Johannes dem Täufer bis zum Evangelisten Johannes selber (vgl. Joh 1,6-8.15.19 / 19,35 / 21,24).

 

Es ist dies eine mögliche Variante der Antwort auf die Frage: Warum bin ich Christ? Was macht mein Christ-Sein unterscheidend aus? Originell bin ich darin nicht. Beeinflusst bin ich in dieser sehr abrisshaft präsentierten Zeugnis-Theologie maßgeblich von: H.U. von Baltha­sar, H. Verweyen und zumal – Joseph Ratzinger.

Dem einen oder der anderen kommt so was reichlich abstrakt vor. Gut, das mag schon auch an mir liegen. Aber es hat´s eben doch in sich. Man kann dies nicht leben, aber schon nicht wirklich verstehen, wenn man eines nicht kennt, was uns ziemlich fremd geworden ist: Er­griffenheit. „Mein Glaube gibt mir so viel“: und doch sagen dem oder der Anderen solche Be­teuerungen wenig bis gar nichts. „Mein Glaube“ hat „mir“ erst einmal gar nichts „zu geben“. Echtes Christ-Sein: sich dem stellen, dass Gott uns in der Fleischwerdung Seines Wortes un­ausdenkbar zu­dringlich auf den Leib gerückt ist: dies aushalten, um sich dann in die Seligkeit dieser Ergrif­fenheit von Ihm (vgl. Phil 3,12) fallen zu lassen.

Nicht umsonst ist uns ausgerechnet das Fronleichnamsfest zu einer Veranstaltung unter „fer­ner liefen“ entglitten.

 

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