Ganz spezifische Begegnungen – für das ganz spezifisch Christliche

Kiliansdom Würzburg, Hubert Elsässer
Kiliansdom Würzburg, Hubert Elsässer

Was ist das Spezifische am Christentum? Womit kann Christ-Sein überzeugen und anziehend sein gegenüber den vielen Freizeitangeboten, Beschäftigungen und Wichtigkeiten. Die Konkurrenz ist groß: der selbstgefällige Atheismus, das einfache Leben in den Tag hinein – neuerdings der Islam. Was macht das Christ-Sein aus?

Ist es der besonders edle Lebenstil, caritative Ausrichtung?

Die moralische Überlegenheit? So eine Art Gewissen der Nation?

Ist es die christliche Grundordnung, die unsere Gesellschaft geprägt hat?

Das Maß der Hilfsbereitschaft und der Elan für die Allgemeinheit?

Oder gar eine ausgefeilte Theologie mit viel Kenntnis und Wissen?

Unser Leben besteht aus tagtäglichen, tausenden Begegnungen. Manche sind flüchtig, oberflächlich. Andere sind tiefgründig – rühren unser Innerstes an. Wieder andere geben unserem Leben eine ganz neue Richtung und treiben uns zu Dingen, die wir so vorher nicht hatten. Begegnungen können kontrovers verlaufen. Sie können Wahrheiten offen legen und uns zeigen, wie verletzend und unachtsam wir waren. Sie können befreiend sein, wo endlich die Wahrheit auf den Tisch kommt und man endlich das sagt, was einen so lange belastet hat.

Ein Beispiel wie konträr Begegnungen verlaufen, ist im Lukasevangelium zu finden (7, 36)

Der Gastgeber, der Jesus eingeladen hat, ist ein frommer Jude, gelehrt mit einer klaren Lebensausrichtung. – Die Frau eine Prostituierte.

Der Pharisäer Simon                                                                            die Frau

Immerhin hat er Jesus eingeladen. Sie schleicht sich heimlich in die reine Männerrunde – Sie betritt unerlaubt einen Raum, in dem sie nichts zu suchen hat.
Er will wissen, wer dieser Jesus tatsächlich ist. Er möchte mit ihm theologische Problem erörtern. Sie kommt in aller Demut. Sie weint.Sie trocknet Jesu die Füße und küsst sie.Sie salbt ihn wie einen höchsten Ehrengast.
Was kann und weiß dieser Jesus? Welche Ziele verfolgt er? Sie begegnet Jesus mit Respekt und Achtung. In einer Haltung des Anvertrauens – der Hingabe – der Liebe
Simon nimmt eine Haltung der Neugier, des Ab- und Einschätzens, der kritischen Betrachtung ein.   Jesus als greifbarer Mensch und Bild Gottes, von dem sie sich alles erhofft.
Das alles ist nichts Schlechtes. Es gehört in jedem Fall dazu. Simon bleibt aber auf der abstrakten Ebene. Es ist nichts persönliches – er bleibt in einem luftleeren Raum stehen.

Für ihn bleibt Jesus ein interessanter Mensch, der seine Bedeutung noch unter Beweis stellen muss.

In ihren Gesten vertraut sie sich mit ihrer ganzen Persönlichkeit diesem Jesus an. Sie wirft sich mit all ihrem Sein und Schein auf ihn. Sie kommt mit ihrer Schuld, ihrer Verzweiflung und Sorge, und auch mit ihrer ganzen ungestümen Leidenschaft zu diesem Mann.

Im Gegesatz zu Simon ist es eine persönliche Begegnung. Es ist eine Begenung umbunden vom Geist Gottes.

Paulus hatte auch eine solch persönliche Begegnung, die ihm vom Pferd gehauen hat. Seine Begegnung mit Christus verändert und verwandelt ihn vollkommen. Er wird ein ganz anderer Mensch. Paulus krempelt sein Ich um. Er kann schließlich sagen: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Ich lebe allein noch für Gott und gleichzeitig durch Gott.“

Der Frau wird gesagt: „Deine Sünden sind dir vergeben – Geh in Frieden!“ Schuld wird vergeben. Wir können eine Tat nicht ungeschehen machen.

Wir können ein Wort der Beleidigung nicht aus der Welt schaffen. Die Folgen unseres Handelns können wir nicht auslöschen. Wenn Gott Vergebung zusagt, dann ist das absolut. Er hebt die Bosheit in unseren Worten und Taten auf. Er vernichtet die schlechte Tat. Er heilt das zerbrochene Verhältnis und die verletzte Seele; er schenkt neuen Frieden. Das geschieht jetzt schon punktuell – und vollendet sich in dem, was wir „jüngstes Gericht“ nennen. Gericht: Richten, gerade biegen, Ungleichgewichte ausgleichen. Die Herstellung einer neuen Ordnung, in der auch unsere Lebensgeschichte neu ausgerichtet wird.

Der Weg dorthin liegt in der heilenden und liebenden Begegnung mit Jesus Christus im hl. Geist. Der Geist Gottes eröffnet den Raum dieser Begegnung. Christus nimmt uns hinein seine Beziehung zum Vater, die so einmalig ist, dass wir sie kaum ausdrücken können – Der Vater und ich sind eins-.

Wo immer wir uns in derselben Haltung Jesus nähern, wie es die Frau getan hat, da realisiert sich ansatzweise dieses Geheimnis. Dabei ist die Begegnung mit Jesus Christus selbst bereits Geschenk – damals wie heute: Obwohl der Pharisäer Simon Jesus leibhaftig vor sich hatte, erkannte er ihn nicht wirklich. Obwohl die Frau keine Gelehrte war, eröffnete der Geist Gottes ihr die wahre Wirklichkeit Jesu als das Gesicht des lebendigen Gottes in dieser Welt. Gleiches kann und geschieht noch heute.

Das spezifische des Christ-Seins liegt möglicherweise in diesen beiden Punkten:

  • Begegnung mit Gott durch Jesus Christus im hl. Geist. Hinein-Nahme in das Eins-Sein des Vaters mit dem Sohn im hl. Geist.
  • Vergebung und Vernichtung all dessen, was uns von Gott trennt und seine Ordnung der Solidarität und Liebe verletzt. Erlösung von aller Beschränktheit, Fremdbeeinflussung und Unzulänglichkeit. Befreiung von allem Belastenden und Ängstlichem.

Die Haltung der Frau, die auf jeden Fall zu Jesu will, habe ich hautnah vor einiger Zeit miterlebt: Ich wurde von einem koptischen Ehepaar zum Gottesdienst eingeladen. Ein junger Ägypter mit seiner Frau und den beiden Kindern 3 Jahre und 6 Monate alt. Ihnen ist es ungeheuer wichtig, wenigsten alles 2 Wochen den Gottesdienst zu besuchen. Der Gottesdienst ist in M. Um dorthin zu kommen steht die junge Familie am Wochenende um 6:30h auf, fährt um 7:30h mit dem Bus nach zum nächsten Bahnhof, von dort mit der Bahn über A. nach M., dann wieder mit dem Bus zur Kirche. Der Gottesdienst dauert dort 3 Stunden. Die Predigt ist nicht länger als meine hier. Der Rest ist Liturgie – Lesung, Evangelium, Hochgebet, Kommunion, Beten:

Begegnung mit Christus selbst.

Wenn sie jetzt denken, das sei alles was für alte Leute, langweilig und eine Qual, dann haben sie sich getäuscht. Ich war so ziemlich der älteste Gottesdienstbesucher. Ca. 70 bis 80 junge Männer und Frauen mit einer Schar von Kindern aller Altersklassen hatten sich aus der ganzen Umgebung versammelt. Ich konnte spüren: Hier vollzieht sich gelebte Beziehung zu Jesus Christus im hl. Geist. Hereinnahme in die Welt Gottes. Reich Gottes tut sich auf und deutet sich an.

Können wir uns daran nicht auch ein Beispiel nehmen? Sollen wir nicht auch diese Erfahrung weiter geben? Eine junge koptische Gemeinde als Vorbild für eine immer älter werdende katholische Pfarrgruppe. Gottes Wege sind eben unergründlich.

 

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