Ramadan und andere schwierige Positionsbestimmungen

Koran1

Die Ausgangsfrage

Können oder sollten wir als Christen – oder auch als Atheisten – das „Fastenbrechen am Ende des Ramadan“ mit den muslimischen Flüchtlingen gemeinsam feiern?

Der erste Reflex:  „Was für eine Frage ? Warum nicht? Was soll falsch dabei sein, sich mit den Flüchtlingen zusammen zu setzen, mit ihnen zu essen und zu trinken ? Es ist doch geradezu eine Anerkennung ihrer Religion und Tradition. Dasselbe machen wir doch auch, wenn wir Muslime zu einer Weihnachtsfeier einladen. Dann sitzen wird bei Tee und Plätzchen zusammen – jetzt bei Lamm und Reis.“

Kommt dann jemand und meldet Bedenken an, will gar nicht mitmachen und hinterfragt die Absicht, so muss man ihm wohl den gesunden Menschenverstand absprechen. Reflexartiges ist nie gut. Man sollte – das habe ich aus der Geschichte gelernt – immer erst einmal näher hinschauen.

Inhaltliche Einbindung

Fasten gehört zu den fünf Säulen des Islam und verpflichtet jeden Muslim. Damit gehört das Fasten zu den Grundvollzügen des Islam. Ramadan ist daher ein klares Bekenntnis zum Islam. Dieser versteht das Fasten selbst als einen Gottesdienst. Gottesdienst vollzieht sich also in diesem Verständnis nicht nur in einer Moschee, sondern in der Ausübung und Teilnahme am Ramadan. Höhepunkt des Ramadan ist das Fest des Fastenbrechens am Ende des Ramadan. Das Fastenbrechen ist also nicht nur ein geselliges Zusammensein, sondern gottesdienstliches Geschehen. Es wird eingeleitet mit einer rituellen Ganzkörperwaschung, die von Gebeten begleitet wird.  Es folgt das offizielle Gebet in der Moschee mit Festpredigt, feierliche Übergabe der Almosensteuer und sozial-religiöse Aktivitäten begleitet, wie z.B. Besuch der Friedhöfe mit Gebet – Besuch der Verwandten als gegenseitige religiöse Zusage, Geschenke an Bedürftige als Erfüllung des Almosengebots. Teilweise werden diese Zusammentreffen auch als Versöhnungsfeiern oder Versöhnungsbitten verstanden.

Das Fest des Fastenbrechens ist das zweithöchste Fest des Islam nach dem Opferfest und dauert 2 bis 4 Tage. In dieser Zeit sind in muslimischen Ländern alle Geschäfte geschlossen.

Gefeiert wird in diesem Monat zunächst die Herabkunft des Korans, d.h. in dieser Zeit wird die wörtliche Übergabe des Korans an Mohamed in arabischer Sprache gefeiert. Durch die Übersendung des Koran an Mohamed wurde die „Rechtleitung“ in die Welt gebracht. Mit dem Koran wird die Bibel der Juden und das Evangelium der Christen überwunden. Teilweise werden beide als Fälschung betrachtet. Der Ramadan feiert also auch den Sieg des Koran über die Bibel. Das Feiern auf den Straßen, die Einbeziehung der Familien- und Freundesfeiern wird als Verkündigung des Korans und Hinaustragen des Islam verstanden.

Da der richtig gefeierte Ramadan Sündenvergebung zusagt, feiert man mit dem Fastenbrechen Sündenvergebung aus islamischer Sicht. Mit anderen Worten: Feiere ich als Christ die islamische Sündenvergebung mit?

Nicht unbeachtet werden darf auch die Radikalisierung des Festes durch Zwangsmaßnahmen gegenüber Nichtfastenden

In vielen islamischen Staaten ist die Einhaltung des Ramadan auch für Nicht-Muslime absolute Pflicht. Einige verhängte Strafen für christliche Fastenbrecher:

Marokko: Razzia und Haftstrafen

Algerien: 4 Jahre Haft und 1.000€ Strafe

Malaysia: 6 Monate Haft und 236€ Strafe

Mit anderen Worten: Ist es nicht befremdlich, dass in vielen Ländern Christen wegen des Ramadan mit Strafe bedroht und zur Teilnahme gezwungen werden, während wir hier durch ein Mitfeiern diese Misstände absegnen oder sie zumindest nicht zur Kenntnis nehmen?

Problematisches und Unproblematisches

In diesem Verständnis und Kontext ist es sehr wohl für einen Christen – und auch für Nicht-Christen und Atheisten – problematisch an dem tatsächlichen Fastenbrechen teilzunehmen. Da es als gottesdienstlicher Vollzug und religiöse Glaubensausübung nicht wirklich mitgetragen kann, entwertet es und nivelliert es damit auch das muslimische Fest als solches. Hier ist es eher zu empfehlen dieses Fest den Muslimen als ihr eigenes Fest zu lassen und es als fremdes Fest der Muslime zu respektieren. Es sollte aber weder von uns umgedeutet werden als allgemein gemütliches Zusammensein, noch sollten wir uns von diesem Fest vereinnahmen lassen.

Wenn das Fastenbrechen der Höhepunkt des Fastenmonats Ramadan ist, so ist es inkonsequent, diesen Höhepunkt isoliert zu betrachten / zu feiern, ohne auch den Monat mit vollzogen zu haben.

Davon abzugrenzen ist m.E ein gemeinsames Zusammenkommen, das eben nicht diesen gottesdienstlichen Charachter und Intention hat, sondern lediglich den zwischenmenschlichen- zwischenreligiösen – kulturellen Aspekt betrachtet (vgl. Weihnachtsfeier mit Gebäck und Tee). In diesem Rahmen können dann ohne weiteres auch die positiven und gemeinsamen Aspekte betrachtet werden. Es kann Austausch über die Religionen erfolgen, ohne dass Religionsausübung praktiziert wird. Da ein Aspekt des Ramadan die Versöhnung / Vergebung ist, kann hier über Versöhnung / Vergebung im Verhältnis der Religionen Islam – Christentum nachgedacht werden. Daraus kann sich ein gemeinsames Anliegen ergeben: Gegen die Radikalisierung der Religionen – Herausarbeiten der Aufgabe der Menschlichkeit – letzte Verantwortung vor Gott.

Positive und gemeinsame Aspekte des Ramadan

Auf der anderen Seite ergeben sich natürlich eine Menge Aspekte, die das Anliegen des Ramadan positiv sehen lassen und sich teilweise mit den Anliegen des christlichen Fastens decken.

  • Konsequenz und Ernsthaftigkeit mit der der Glaube gelehrt wird. Die Opferbereitschaft für den Glauben kann Vorbild sein.
  • Gott mit Leib und Seele zu loben kennt schon ein Alter christlicher Hymnus: Dich hoher Schöpfer lobe der Mensch mit Leib und Seele, Heil sich erhoffend
  • äußeres und inneres Fasten. Sich von Sünde freizuhalten, d.h. nichts Verwerfliches bewusst anschauen, nichts Schlechtes reden, auf nichts Böses hören und nichts Verabscheuungswürdiges tun.
  • Erkennen, dass man allein von Gott abhängig ist. Loslassen von anderen Abhängigkeiten und alltäglichen Vergöttlichungen.
  • Intensivierung von Gottesdiensten, Gebet und Lesen des Korans.
  • Festigung der Beziehung zu Gott und den Mitmenschen. Die körperliche Entsagung als Solidarität mit denjenigen, für die Armut Alltag ist.  Selbstbeherrschung und Konzentration auf das Wesentliche
  • Stärkung der Familienbande und der Beziehung zu Freunden und Glaubensbrüdern.
  • Versöhnung – Vergebung – Friedensstiftung

Betrachtung des konkreten Menschen in unserer Gesellschaft

Ein Hauptaugenmerk muss auf den konkreten Menschen leben, die hier ihren Glauben leben. Jede Diffamierung, Herabstufung verbietet sich. Es ist ein aufrichtiger Respekt gegenüber der Glaubensausübung der islamischen Mitbürger zwingend einzufordern.

Die Glaubensausübung selbst muss sich im Rahmen der weltlich-zivilen Gesetzgebung und der konkreten gesellschaftlichen, d.h. westlichen Rahmenbedingungen halten. Es darf weder eine Benachteiligung noch eine Bevorzugung geben. Dies bedeutet, dass weder Kinder wegen Ramadan von der Schule / Klassenarbeiten freigestellt werden, noch dass von muslimischer Seite erwartet darf, dass christliche Mitarbeiter einen Teil ihrer Aufgaben übernehmen, weil sie infolge des Fastens nicht leistungsfähig sind. Inner-islamisch gibt es hier einige Spielräume. So entspricht es u.a. durchaus islamischer Auffassung, dass die Fastentag sich nicht an dem sehr langen Sonnenaufgang- Sonnenuntergang-Zeiten Europas ausrichtet, sondern Maß an den Zeiten in Mekka genommen wird. Es gibt auch Ausnahmen bei schwerer Arbeit, hoher Beanspruchung, vorrangigen anderen Verpflichtungen etc. Andererseits kann natürlich auch ausgelotet werden, wo Spielräume im deutschen Arbeitsrecht etc. bestehen, oder wo einvernehmliche Absprachen umsetzbar sind.

Ein biblischer Ausflug

Die Bibel spiegelt 3.ooo Jahre Menschheitserfahrung wieder. Daher wäre es verwunderlich, wenn ihr das Spannungsverhältnis, das wir heute erleben unbekannt wäre.

Das Spannungsverhältnis ist in 2 Richtungen hin zu lösen:

Schutz dem bedürftigen Fremden

Ps 146. 7

Recht verschafft Gott den Unterdrückten, /

den Hungernden gibt er Brot; / der Herr befreit die Gefangenen.

Der Herr öffnet den Blinden die Augen, / er richtet die Gebeugten auf.

Der Herr beschützt die Fremden /

und verhilft den Waisen und Witwen zu ihrem Recht.

Der Herr liebt die Gerechten, /

doch die Schritte der Frevler leitet er in die Irre.

Lev 19.34

Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott

 

Treue zur eigenen Tradition und zum eigenen Glauben.

 

Hierzu erzählt das AT die Geschichte des Königs Ahab und seiner Ehefrau Isebell ( 1 Kön. 16, 24 ff)

Der jüdische König Ahab heiratet eine „heidnische“ Frau – Isebell -. Darin allein sieht die Bibel noch nichts Verwerfliches. Moses hat auch nicht-jüdische Frauen geheiratet (Ex. 2, 21 + Num 12.1). Schwierig wird es erst, als Ahab immer mehr sich den Positionen der Ehefrau anschließt, deren Gottheiten nicht nur zunehmend verehrt, sondern sogar die eigenen Propheten und Priester tötet, so dass zum Schluss nur noch der Prophet Elija übrig blieb. Ahab bringt das Volk Israel an den Rand der Selbstauflösung und Selbstzerstörung. Er ist auf dem besten Weg, Israel seine religiöse Identität zu nehmen. M.E. ist es nicht einfach nur eine Geschichte über einen König oder einen einzelnen Mann, sondern es ist die Frage  an eine ganze Gesellschaft – an ein Volk – an uns:

Wo ist die Grenze der eigenen Identität, d.h. wo gebe ich mein eigenes Christsein auf?

Wo schlage ich mich unbedacht einfach auf die Seite eines anderen Gottes?

Wo schaffe ich mir meinen eigenen Misch-Glauben?

Die Frage ist gestellt – Um die Antwort muss gerungen werden.

 

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