Die andere Wange

Nach den Entwicklungen der Nachkriegszeit und der 68er-Epoche befinden wir uns offensichtlich sowohl weltpolitisch als auch innenpolitisch in einem neuen Zeitalter.

Durch die Sorge, dass jede deutlichere Aussage evtl. Wählerstimmen kosten könnte, drücken sich mittlerweile mehrere Generationen deutscher Politiker vor einer eigenen Meinung. Der Trick, sich hinter Gremien oder etwas dubios-“demokratischen“ Cliquen in Brüssel zu verstecken, konnte über viele Jahre der wirtschaftlichen Prosperität hinweg helfen.

Das scheint vorbei zu sein.

Durch die Wahl des 45. amerikanischen Präsidenten wurde deutlich, dass die glatt-gestylten Phrasen, die allseits-verträglichen Nichtäußerungen und die everybodys-darling-Nummer kein Modell mehr für die zukünftige Politkultur sein können.

Aber was dann?

Getrieben von Frechheiten und gezielten Provokationen (z.B. vom Bosporus) taumelt die Schönwetter-Demokratie in unserem Land von Wegtauchen des Kanzleramts, Delegation der Außenpolitik an die Kommunen (z.B. in Gaggenau oder Köln), Schönreden der Hilflosigkeit etc. von einer Peinlichkeit in die andere und hofft wohl, dass es entweder keiner mitbekommt, oder dass es noch hinreichend edel, gutmenschlich-übermoralisch in der eigenen Bevölkerung aufgenommen wird.

Vielleicht sogar in der wohlmeinenden Idee, dass diese Art der Politik den Auftrag Jesu erfüllen würde, im Konfliktfall „die andere Wange hinzuhalten“. Das wäre ein Missverständnis. Es ging Jesus von Nazareth durchaus um Friedlichkeit und um eine aktive Friedensbereitschaft, auch um den Preis eigener Einschränkungen. Es ging ihm aber nicht um Willfährigkeit oder kollektive Selbstaufgabe. Schon gar nicht zur Beförderung eines wachsenden Unrechtsregimes.

Übrigens kann nur jeder/jede für sich allein entscheiden, inwieweit er/sie die andere Wange hinhalten möchte, oder nicht. Für ein ganzes Kollektiv lässt sich das wohl nicht entscheiden, ohne dass dieses sich dabei spalten wird.

Problematisch in der aktuellen öffentlichen Diskussion ist, dass es durchaus eine Sensibilität und auch – oh Wunder – eine Intelligenz in der Wahlbevölkerung gibt, die sehr wohl ein komisches Gefühl dabei bekommt, wenn sie „Köter“, „Nazis“ oder ähnlich beschimpft wird und die Repräsentanten (und die Justiz) die Ohren anlegen und das unverschämte trotzig-schimpfende Kind nicht in die Schranken weisen, sondern weiter gewähren lassen.

Die politisch Aktiven sollten sich der Tatsache bewusst sein, dass auch ihre Möglichkeiten prekär sind (= können jederzeit genommen werden) und der eigentliche Souverän das letzte Wort behalten wird.

Die Schönwetterphase ist vorüber. Jetzt kommen Wolken auf und die Brise wird stärker. Darauf sind die wenigsten unserer Politiker vorbereitet.

Wir werden sehen. Und sollten für alle beten.

 

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