Rom – Eine Reise voller Widersprüche

Rom eine Reise voller Widersprüche

– gewöhungsbedürftig – alltäglich – außerordentlich

Der erste Tag in dieser Stadt war dem Petersdom und Vatikan gewidmet, weil beides nur wenige Minuten von unserem Zimmer entfernt war. Der erste Eindruck : Eingemauert und abgeschottet, was wohl notwendig sein könnte im Hinblick auf die Geschichte und nicht nur heutige Gefährdungen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend fand sich auf dem Petersplatz eine Schlange, an deren Ende der Wartende sich auf 2-3 Stunden langsames voran trippeln einstellen musste. All diese Leute wollten in den Dom? All diese Leute hatten eine Sehnsucht nach Gott? Schnell wurde ich eines anderen belehrt. Keine 10 Schritte konnte ich gehen, ohne dass mich nicht irgend jemand ansprach und mir einen Hut, einen Schirm, begehrte „Selfi-Sticks“ und noch häufiger „guide to vatican-museum“ „Tickets for visit vaticanum“ verkaufen wollte. Heerscharen von Gruppen fanden sich zusammen. Mit einem Ticket fürs Vatican-museum kann man die Schlange zum Dom umgehen – gut zu wissen. Menschenmassen ergießen sich in das Gebäude. Jetzt dämmerts mir langsam: Den meisten scheint es gar nicht um den Dom als spirituellen Ort zu gehen – nein, es scheint vorrangig die Besichtigung eines unter vielen Denkmälern der Geschichte zu sein. Das Museum hat mich schon irritiert: Gold, Größe, Geklitzer, Protz – Was hat das wohl für Auswirkungen auf diejenigen, die sich in dieser Umgebung wohl gefühlt hatten. Was für eine Eigenbild und Fremdbild und Gottesbild wird hier deutlich? Doch es bleibt keine Zeit zum Nachdenken: Die Masse schiebt dich voran, drückt dich ins nächste Zimmer, den nächsten Flur entlang. Stimmen in allen Sprachen – Verstehen kann ich sowie nichts mehr.

Klick, Klick – Schnappschuss – Immer wieder: Ein Selfi. Ich vor`m Altar – Ich vor`m Heiligenbild – Ich vor`m Christusbild – Ich – Ich – Ich . Ich nehme alles mit. Ich war hier und dort.- So scheint es den meisten wichtig! Dokumentieren, was sie alles gesehen und getan haben. Wie toll und wichtig sie sind, so als ob sie all diese Dinge erobert oder selbst gebaut hätten.

Dann fand ich mich im Dom selbst wieder. Erschreckend: Da war nichts – da war kein Gott, keine Inspiration, keine Nähe – nur Geschnatter – Ein Baudenkmal, nichts anderes als ein Colosseum, ein Circus maximus oder sonst was. Ich war noch nicht mal in einer Kirche. Ich musste raus und konnte nicht länger bleiben.

Meine Beobachtungen zeigten: Die Leute verhielten sich überall gleich. Es war tatsächlich das historische Event, sonst nichts. Nochmals werden mir die Augen geöffnet am Pantheon: Ursprünglich ein beeindruckendes antikes Bauwerk – dann Kirche (geweiht den hl. Martyrer) – heute nur noch dem Namen nach eine Kirche. Der Altar steht da, niemand beachtet ihn, hunderte Menschen bewundern…das Bauwerk und sehen in ihm das, was es einmal war: ein antikes Baudenkmal!

Und dann bin ich doch noch auf ein anderes Rom gestoßen. In einer kleinen Seitengasse, in einer kleinen Kirche. Ein Raum, in dem Platz für Gott war. Ein Raum in dem sich den ganzen Tag über immer wieder betende Menschen eingefunden haben. Ein Gottesdienst am Samstag vor brechend voller Kirche, so dass ich mich auf die Stufen eines Seitenaltars hocken musste. Ein Gottesdienst, von dem ich so gut wie nichts verstand und der doch 75min keine Langeweile aufkommen ließ, sondern nur innere Erfüllung. Dort ging ich jetzt jeden Tag hin. Ich fand viele junge Leute, ergriffen, geistlich begeistert – dann auch in Santa Maria Majore. Mit den armen Bettlern der Stadt habe ich mich unterhalten, ohne kaum ein Wort zu verstehen – mit Blicken, mit Gesten, mit Bitten und Dankbarkeit.

Ich kann nicht beurteilen, ob mein erster Eindruck falsch war und ich den vielen Leuten Unrecht tue mit meiner Einschätzung und meinem Empfinden. Ich sehe die Not all dieser Händler und Ticket-Verkäufer, die jeden Tag ihr Pensum an Beute abliefern müssen.

Zum Schluss kann ich sagen: So ist Kirche mitten in Welt. Mitten in der Geschäftlichkeit, dem Profanen, der eigentlich Sinn-Entleerten Selbst-Darstellung und dem Sonntags-losen Kommerz – da gibt es diese Orte, Momente und Begegnungen des Göttlichen. Salz der Erde – Licht der Welt – eben Kirche Gottes. Das Außerordentliche im Alltäglichen als rufender Widerspruch mitten in Massen, deren Inneres ich nicht ergründen kann. Massen über die ich nichts zu urteilen habe, weil ich den jeweiligen Menschen nicht kenne. Und das ist gut so.

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