Gehört der Islam zu Deutschland ?

Seit Wochen wird hierüber heftig gestritten und man meint, dass vom Ausgang des Streits die Zukunft die Landes abhängt. Vielleicht tut sie das tatsächlich auf eine ganz andere Art und Weise.

Die Frage ist nicht eindeutig. Was ist mit der Frage im Kern gemeint?

Dass der Islam als Religion verboten werden soll, steht nicht zur Debatte. Das Grundgesetz schützt die aktive und passive Religionsfreiheit. Dass alle Muslime das Land verlassen sollen, kann ebensowenig sein. Wer sich in Deutschland rechtmäßig aufhält, kann nicht einfach des Landes verwiesen werden.

Die eigentliche Fragestellung besteht meiner Meinung nach darin, ob der Islam eine gesellschafts- und staatsprägende Kraft sein soll oder sein wird. Deutschland, so wie wir es jetzt oder vor 10 Jahren erlebt haben, ist kein statisches Faktum, sondern ist geworden und entstanden und entwickelt sich in vielerlei Hinsicht. Oft wird angeführt, dass unsere Gesellschaft durch das Christentum geprägt ist und dort seine Wurzeln hat. Dem ist sicherlich so. Tatsächlich enthält die Präambel des Grundgesetzes eine Rückbindung auf die Verantwortung vor Gott und den Menschen. Auch wenn die Väter des Grundsetzes hier den christlichen Glauben vor Augen hatten, schließt das den islamischen Glauben nicht aus, sondern es heißt dort allgemein: „In Verantwortung vor Gott und den Menschen“. Damit kann auch ein Muslim leben, sogar noch mehr als manch ein aufgeklärter Zeitgenosse, der jeden Gottesbezug gerne aus Leben und Gesellschaft verbannen würde.

Was einmal war, muss nicht so bleiben. Schon jetzt ist unsere Gesellschaft alles andere als ein christliche. Der Jahresablauf ist noch durch seine Feste und Fixpunkte bestimmt. Es gibt den Sonntag, Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Christi Himmelfahrt, die Fastenzeit…In den Augen der überwiegenden Mehrheit der Deutschen spielen diese Feste keine wirkliche lebensprägende Rolle mehr. Es sind zusätzliche, freie Tage, die man genießt – mehr nicht. Der Inhalt der Feste und Glaubensgrundlagen sind verdunstet. Immer weniger Eltern lassen die Kinder taufen, die Anmeldezahlen zu Firmung und Konfirmation sind rückläufig. Wer besucht noch regelmäßig Gottesdienste? Die meisten leben aus einer anderen Kraft und auf andere Ziele hin. Unsere Gesellschaft hat sich schon lange vor der Flüchtlingswelle und dem Islam geändert. Gesellschaftsprägende Kräfte sind Säkularisation, der Konsum, die Freizeit, der Hedonismus, der Indiviualismus, die Selbstdarstellung, die Reputation, die Anforderungen des Kapital- und Erwerbslebens sowie ein allgemeiner Humanismus. Das Christentum spielt eine immer geringere Rolle und reduziert sich auf ein paar Facetten am Rande.

Dann kann das bisschen Islam doch wohl nicht so schlimm sein? Ich denke, er hat sogar was Gutes: Lange wurde die Gottesfrage nicht so offen und klar ausgesprochen, wie seither. Die Bedeutung von Familie im klassischen Sinn, steht in wohltuendem Kontrast zu einer Familien-Beliebigkeit in der Vater-Mutter-Kind-Systhematiken verschrieen sind. Auch im Fremden das Ebenbild Gottes zu erkennen, seine berechtigten Ansprüche und Nöte wahrzunehmen, sind die Nagelprobe auf die Bergpredigt.

Nochmals: Es geht um die Frage, ob der Islam gesellschafts- und staatsprägende Kraft werden soll. Ob er es soll oder nicht, können wir überhaupt nicht bestimmen, sondern er wird es oder er wird es nicht. Es gibt keine Instanz, die das verbietet. Wenn er es wird, steht noch offen, welche Form des Islam sich durchsetzt.

Der Islam kann Deutschland mehr verändern, als man gemeinhin glaubt. Ein gesellschaftsprägender Islam wird einfordern, dass es eigene Festtage gibt, die neben oder vielleicht sogar anstelle der christlichen Festtage treten. Angesichts der Umstände, dass die Kirchen am Sonntag eh recht leer sind, bietet sich dies doch an. Der Islam kann einfordern, dass der Ramadan arbeitsrechtlich und gesellschaftlich beachtet wird, mit der Folge, dass muslimische Arbeitnehmer von der Arbeitsleistung frei gestellt werden. Neben den Glocken eines Kirchturms kann der Muezzinruf erklingen. Verschleierte oder voll verschleierte Frauen könnten das Stadtbild prägen, wie es heute schon teilweise in manchen deutschen Ferienhochburgen der Fall ist. Kleidervorschriften, Alkoholverbot oder Tanzverbote sind in Gegenden mit überwiegend muslimischer Bevölkerung in der Zukunft denkbar.

Der Islam kennt die Trennung von Staat und Kirche nicht. Der Islam beansprucht auch die staatsausgeprägte Fassung. Auch wenn die Scharia in keinem Land voll und ganz umgesetzt wurde, fehlt sie in fast keinem islamischen Land. Der Islam kennt keine klare Religionsfreiheit. In allen islamischen Ländern – auch der Türkei – gibt es Beschränkungen für andere Religionsgemeinschaften. Ich selbst kenne muslimische Flüchtlinge in Deutschland, die es nicht wagen, ein Interesse am Christentum offen zu bekunden. Sie fürchten hier in Deutschland bei uns um ihre Gesundheit und Leben. Ich habe selbst erlebt, dass Muslime sich fürchten eine Kirche zu betreten, weil sie Angst haben, dies könnte ihnen von ihren Glaubensbrüdern negativ ausgelegt werden. Es gibt natürlich einen modernen und liberalen Islam, den wir gerne hätten und uns wünschten…mit dem Wünschen ist es so eine Sache… Kann sich ein deutscher Islam von derartigen Tendenzen befreien? Kann Deutschland evtl. sogar den Islam verändern?

Der Islam und die Muslime sind Bestandteil von Deutschland und prägen unser Land schon heute. Das ist nicht verwunderlich und für sich genommen auch nichts beängstigendes. Wir könnten gelassen mit dem Thema umgehen, wenn Deutschland etwas hätte, in dem es spirituell, religiös, rituell und kulturell fest verwurzelt wäre. Sagen wir mal im Christentum. Ein reiner Humanismus und ein paar Jahrzehnte Demokratie reichen wahrscheinlich nicht aus, zumal Demokratie und Staat selbst in einer Krise sind. In der Demokratie scheint es nicht mehr darum zu gehen, entscheidungsbefähigten Bürgern alternative Lösungskonzepte zu bieten, sondern darum, wie man am besten Volk und Bürger so manipuliert, dass es einem am meisten nützt. Von staatswegen sind wir in vielen Bereichen am Rande der Handlungsfähigkeit (Justiz, Polizei, Sicherheit, legislative Beschränkungen). Einem überzeugten Islam und einem gelebten islamischen Glauben, der den Alltag der Muslime und ihr Leben prägt, hat unsere Gesellschaft nicht viel entgegen zu setzen. Aus dieser Schwäche heraus ergibt sich die Stärke eines immer prägender werdenden Islams. Es mag so kommen, weil wir es nicht anders haben wollten.

Die Zukunft Deutschlands hängt nicht davon ab, wie wir die Frage beantworten, ob der Islam zu Deutschland gehört. Die Zukunft des Landes wird davon abhängen, ob unsere Gesellschaft es schafft, sich wieder auf den christlichen Glauben und die Botschaft des auferstandenen Herrn einzulassen. Diese Botschaft ist ein versöhnliche: Wie auch immer sich alles entwickeln wird, fürchtet euch nicht. Im Glauben und in der Nachfolge Jesu Christi seid ihr bereits jetzt die aus allen Ängsten, Sorgen und Bedrängnissen erlöste Kinder Gottes. Das Reich Gottes umfängt euch bereits jetzt. In Christus lebt ihr bereits jetzt in die Auferstehung und Herrlichkeit Gottes hinein.“

Aus dieser Stärke heraus ist es mir egal, ob der Islam jetzt zu Deutschland gehört oder nicht. Ich gehöre mit der ganzen Kirche zu Christus. Und wer weiß: möglicherweise gehört selbst der Islam an irgendeinem Punkt dazu.

 

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