Die „Schöne Pforte“

Da sitzt jemand an der Pforte, dem Eingang zum Jerusalemer Tempel. Es ist ein herrlicher und imposanter Bau, noch wesentlich beeindruckender als der Dom zu Erfurt. Er sitzt da und sich nicht richtig bewegen kann. Ein paar Nachbarn haben ihn zum Betteln her gebracht, wie jeden Morgen. Ein Gelähmter – von Geburt an: Es war schon immer so. Er kennt es nicht anders. Er wird getragen. In sich verkrümmt – kann sich nicht aufrichten – ist abhängig von den Leuten um ihn – er wird fremdbestimmt und trifft eigentlich nicht selbst die Entscheidungen. Selbst wenn er entscheidet, müssen andere es umsetzen oder sie tun es halt nicht. Er ist ein Gefangener seiner Situation, seines Körpers, seiner Welt.

Er bettelt um Münzen und Geld: Er lebt von anderen und es dreht sich ums Geld, um materielle Not, um etwas Wohlstand. Er will sich auch etwas kaufen können. Er muss die Leute bezahlen. Er muss den Arzt bezahlen, der ihm die Schmerzen etwas erleichtert.

Er sitzt vor dem Tempel – er sitzt an der Pforte und kann nicht rein. Er war noch nie drin und hat noch nie erlebt und gesehen was dort passiert. Er sitzt am Eingang zur Gottes Herrlichkeit und kann nicht rein. Andere haben vielleicht davon erzählt, aber für ihn ist das nichts. Er nutzt allenfalls die Freigebigkeit der Leute und die günstige Position. Rein, in Gottes Nähe, kommt er nicht. Sicher hat er sich schon gefragt, warum es gerade ihm so geht? Was macht dieser Gott eigentlich so den ganzen Tag? Der könnte ihm doch auch mal ein paar Münzen rein werfen, besser noch einen ganzen Beutel voll.

Da kommt Petrus: Er gibt ihm nicht das, was er eigentlich haben will und weswegen er da sitzt. Kein Geld?? Keine Konsumgüter? Kein Wohlstand ?

Petrus sieht ihn an – Petrus verkündet den Namen Jesu Christi – Er fasst ihn an – er richtet ihn auf – er gibt ihm Ansehen – er eröffnet ihm eine neue Lebensmöglichkeit – er befreit ihn aus seiner Gefangenschaft und Gelähmtheit und in sich verkrümmt sein. Er lässt ihn aufstehen, sich bewegen – Lebensfreude, Dankbarkeit – kein Almosen, sondern Heil, Heilung. Er kann jetzt in den Tempel hinein. Er kommt in die Nähe Gottes. Er wird Teil der Gesellschaft. Er hat etwas zu erzählen und zu berichten. Die Leute beachten seine Worte und hören ihm zu. Er ist ein anderer Mensch, ein neues Leben, ein neues Menschsein.

Möglicherweise steht der Gelähmte für unsere Gesellschaft und unsere Welt. Sie ist gefangen in ihren Vorstellungen und Wirklichkeiten. Sie ist gelähmt und fixiert auf Geld, Geld verdienen, Geld beschaffen, Macht ausüben, bewahren was man hat, die eigenen Interessen verteidigen. Amerika first – Ich zuerst. Sie ist in sich selbst verkrümmt und sieht nur diese scheinbaren Wirklichkeiten mit ihren realen Fakten, die sie dann so schnell und leicht in ihrem Sinn manipuliert und sich die Realität zurecht legt. Sie hat gehört von einem Tempel Gottes, aber sie lebt am Rande diese Tempels.

Petrus steht für die Kirche: Es ist Aufgabe der Kirche, den Namen Jesu Christi als den Herrn der Welt und den Herrn über unsere Gesellschaften und unser Leben zu verkünden. Im Namen Jesu Christi ist es die Aufgabe der Kirche unsere Welt aufzurichten und neu auszurichten am Tempel Gottes. Durch die Kirche wirkt Gott in die Welt hinein, verändert, richtet auf, sieht an, gibt Achtung und ermöglicht den Eingang, den Hineingang zu einer größeren Wirklichkeit, die Heil macht, die Leben lässt und Gemeinschaft im Raum der Gottesgegenwart ermöglicht. Wer das erfährt, hat Grund zu jubeln, zu springen und zu tanzen. In ausgelassener Freude drängt es ihn zu rufen, was er erfahren hat und wie es ihm geht. Dafür bin ich dankbar. Deshalb kann ich nicht schweigen.

Eine schöne Pforte, gleichgültig wie alt sie ist und wie verwittert und abgenutzt ihr Holz erscheint.