Caritas – oder – Herrschen mit Alexa

 

Die Technik unserer Tage ist fantastisch. Es gibt Sachen, die waren vor 40Jahren noch science fiktion und heute:

Alexa: Licht aus machen –  Spiele mein Lieblingslied – Bestelle mir eine Pizza

Klasse – oder? Die gehorcht aufs Wort. Da wird gemacht was ich will. Diese Alexa ist wie ein Sklave: Nimmt Bestellungen entgegen, geht für Sie einkaufen, schaltet den Herd an und aus. Ich brauche nur zu sagen, was gemacht werden soll – schon passiert`s. Ja, ich bin der Chef – der Herr – ich werde auf`s Wort prompt bedient.

Ich kann mir vorstellen, dass es Situationen gibt, in denen Alexa sinnvolle Dienste leistet.

Verschwiegen wird jedoch häufig, dass Alexa nicht nur eine harmlose Maschine ist, sondern sie gibt uns das Gefühl zu sein, was was viele im Grunde sein wollen: Die Herrscher und Erste zu sein. Im Mittelpunkt zu stehen und alle Wünsche erfüllt zu bekommen. Eigentlich zeigt Alexa uns, wessen wir uns unterschwellig immer wieder bedienen. Das findet man in Beruf, in Familien, ganz häufig bei Klassentreffen wo jeder mal erzählen muss, was Großartiges aus ihm geworden ist.

Der Diakon denkt: Das weiß ich besser als der Pfarrer, das kann ich besser. Der Pfarrer denkt: Der mit seinem theologischen Halbwissen, hätte der das volle Studium wie ich. Der Ehemann und Vater denkt: Was die Kirche da redet, die wissen ja gar nicht, wie das ist mit Familie und Beruf. Die Frucht dieses Denkens und Handelns benennt der Jakobusbrief (Jak 3, 17): Bittere Eifersucht, Ehrgeiz, Konkurrenzdenken, Prahlerei.

Unterschwellig kann Alexa unserem Ego schmeicheln.  Ja, diese Alexa kommt freundlich und nett daher – ist aber heimtückisch und hinterhältig. Der Nutzer als vermeintlicher Herrscher wird in Wirklichkeit nämlich zum Beherrschten. Der Besitzer bestimmt nicht, sondern wird hinterrücks selbst bestimmt. Die Daten seiner Vorlieben, seiner Gewohnheiten werden gesammelt und ausgewertet. Alexa weiß worauf Herr`chen steht, was er isst, was er trinkt, wann er kommt und geht, was er gerne sieht und kauft. Aus welchen Internetseiten er sich bewegt. Und Alexa nutzt diese Kenntnisse. Sie bietet ihm gefilterte Sichtweisen an, sie kann ihn leiten und manipulieren. Alexa kann abhängig und einsam machen, weil man nicht mehr Einkaufen gehen muss, sich nicht mehr außen umsehen muss, und auch kein Schwätzchen im Edeka hält. Die reale Welt wird mehr und mehr ausgeblendet.  Alexa regelt alles – in den vier eigenen Gefängniswänden und der digitalen Welt. Der vermeintliche Herrscher wird geführt in die Anonymität, die soziale Verarmung und wird immer mehr zu dem, wie die digitale Welt ihn haben will.

Jesus Christus lehrt seine Jünger einen völlig anderen – umgekehrten Ansatz: Nicht von der Hoheit des Größten und Ersten und Recht-Habenden zu denken, sondern von unten her. Vom Kleinen her. Nicht aus der Distanz des Bestimmenden und Anonymen, sondern aus der direkten Nähe und dem unmittelbaren Umgang. So wie man ein kleines Kind liebevoll bei sich aufnimmt und es in sein Haus lässt. Ein Kind in seine Nähe und intime, verletzliche Herzenswärme einlässt. Wenn man mit Kindern redet, muss man sich auf ihre Stufe herab knien. Mit ihren Gedanken denken, sich auf sie einlassen, zuhören, Geduld haben. Sich ihre Sorgen und Nöten zu eigen machen. Man muss sie leiten und Wege für und mit ihnen finden. Jemanden wie ein Kind in sein Haus, in seine persönliche Nähe lassen, ist auch gefährlich. Es birgt die Gefahr der Verletzlichkeit, der Zurückweisung, der Enttäuschung. Man kann ausgenutzt werden und alle Mühe kann scheinbar in einem Desaster enden.

Christus fordert uns sogar auf, klein von uns selbst zu denken. Der Diakon, der Pfarrer und Ehemann sollen miteinander in der Haltung der Offenheit und Demut reden, die besagt: “ Ich will die Sichtweise des anderen ehrlich anschauen. Der andere könnte Recht haben. Ich bin bereit mich auf ihn einzulassen, zu verstehen und zuzuhören.“  Der Ansatz fußt auf dem Zugeständnis der eigenen Fehlerhaftigkeit und Beschränktheit. Er weiß um die eigene Bedürftigkeit und Ergänzungsbedürftigkeit, ohne dass dies eine Schande wäre. Es ist nicht schlimm zuzugestehen, dass ich um etwas bitten muss, dass andere mir etwas geben müssen, weil ich es nicht habe. Das meint der Jakobusbrief, wenn er schreibt: „Ihr erhaltet nichts, weil ihr nicht bittet“. Auf Deutsch: “ Ihr Blödiane meint nicht bitten zu müssen, weil ihr in eurem Größenwahn glaubt alles zu haben, alles zu können und alles zu sein.“ Jakobus empfiehlt daher, nicht Eifersucht und Ehrgeiz und Haben-Wollen, sondern Freundlichkeit, Erbarmen, Gerechtigkeit und Streben nach friedlichem Ausgleich. Das erreicht man aber nicht in der egozentrischen Anonymität der digitalisierten Selbstherrlichkeit, sondern im konkreten offenen, direkten und zwischenmenschlichen Umgang. Mit Alexa meint man Herrscher zu sein und ist doch der vollkommen Fremdbestimmte und Beherrschte. Mit dem Ansatz der kindlichen Zuwendung und Nähe, meint man der Ausgenutzte und Verlierer zu sein, und ist doch der Beschenkte durch wahre Menschlichkeit und Begegnung mit der Liebe Christi.

Vom Kleinen her denken heißt: Die Lebensweise des anderen ansehen und wahrnehmen. Der Immobilienmarkt ist z.Zt. völlig überhitzt. Da werden selbst für Schrott-Immobilien Höchstpreise geboten. Sehr viele tun das, weil sie ihr Geld gut anlegen wollen. Es gibt keine Zinsen mehr, also verschafft man sich die Rendite über hohe Mieten. Wohnungen gibt es schon, aber nicht zu bezahlbaren Preisen. Gerade diejenigen, die auf Jobcenter und Sozialhilfe angewiesen sind, kriegen nichts. Die Zahlungen des Sozialamtes sind streng begrenzt und die Obergrenzen so niedrig, dass es zu den Preisen des Jobcenters so gut wie nichts gibt. Von dem geringen Angebot das da ist, hört ich oft, dass der Vermieter nicht an Hartz IV Leute vermietet – erst recht nicht an Ausländer. Einige haben tatsächlich schlechte Erfahrungen gemacht, wurden ausgenutzt, sind auf den Kosten oder einer völlig vermüllten Wohnung sitzen geblieben.

Ein Perspektivwechsel tut Not:

Wird vermietet an den, der die höchste Miete zahlt und das sicherste Einkommen hat ? Oder wird die Miethöhe an dem orientiert, was erforderlich ist, und vermietet an die, die es am notwendigsten brauchen? Die, die ausschließlich ihre Rendite im Auge haben, bleiben anonyme Vermieter mit einem austauschbaren Mieter. Sie werden zu denjenigen, die durch das Geld, die Rendite und die Eigendarstellung beherrscht werden. Der andere, der vorrangig den Menschen und die Bedürfnisse wahrnimmt, vermietet an eine Familie, löst Not und sät Gerechtigkeit.

„Caritas“ – Der Name meint die hingebende Liebe im und an dem Kleinen. Die Caritas hat sich der persönlichen Beziehung zu den Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen verschrieben. Sie ist mehr als ein Wohltätigkeitsverein, weil sie in der Liebe und demütigen Hinwendung Christi gründet und diese Liebe Christi zu den Menschen trägt. Wer den Caritas-Sonntag nur versteht als große Spendensammelaktion, geht an dem Tag vorbei. Der Caritas-Sonntag fragt uns an: Bist Du bereit dich herab zu beugen, in kindliche Nähe und Verletzlichkeit zu den Menschen zu treten? Bist Du bereit, nicht Alexa sein zu wollen, sondern das Licht der Liebe Gottes zu den Nachbarn zu tragen und die Musik der Freude über Gottes Nähe in den Herzen klingen zu lassen.