Der Biss der Viper – Kreuzerhöhung

 

Die Kirche kennt ja schon seltsame Feste. Am Freitag hatten wir mit dem Fest der Kreuzerhöhung ein solches Fest. Und dazu gibt es Symbole und Zeichen, die in den Alltag eingegangen sind. Ein solches Zeichen ist der Äskulapstab und das Kreuz. Das eine ist an vielen Apotheken und Arztpraxen zu sehen, das andere hängt zuweilen als Modeschmuck um den Hals einer hübschen Frau.

Zwei Bilder überlagern sich heute, die ich betrachten will:

Der Äskulapstab und das Kreuz.

Der Äskulapstab gilt bis heute als Symbol der Ärzte, Apotheker und Heilberufe. Seinen Namen verdankt er der griechischen Mythologie, nach der der Heiler Äsklepios auf einen Stab gestützt zu den Kranken wanderte und sich um den Stab eine Natter windete. Viel älter als die griechische Erzählung ist der Bericht aus dem Buch Numeri. Lassen Sie mich bei dem Bild etwas verweilen:

Die Israeliten sind auf dem Weg in das verheißene Land und laufen geradewegs in die verkehrte Richtung – zurück zum Schilfmeer. Sie murrten über das schlechte Essen, anstatt Wasser hätten sie wohl lieber Gundersheimer Wein getrunken, der Weg war zu lang. Es war zu heiß. Es dauert alles zu lange. Dann kommt es noch schlimmer: Die Viper des Lebens kommt aus ihrem Versteck, schlägt blitzschnell und unverhofft zu. Ein stechender Schmerz, ihr Gift durchströmt den Körper. Angst und Schrecken durchfährt einen – Lähmungen treten auf, die Luft wird knapp.

Das Gift der Viper ist vielfältig:

Es kann der plötzliche Pankreaskrebs sein – eine tiefe, jede Lebenslust tötende Depression – ein Unfall, 

das Gift des Hasses, der Feindschaft, des Neides –

das Gift der Angst vor Veränderungen und Umbrüchen.

In all diesen Fällen wird das Leben vergiftet und zerstört.

Schon seltsam, dass Gott dem Mose empfiehlt, ausgerechnet eine Schlange – die Ursache des Unheils – anzufertigen. Vielleicht sollen wir den Dingen in die Augen schauen – uns aus der Erstarrung lösen – das Unheil anschauen und betrachten, bewerten und nicht in Starre oder automatische Reaktionsmuster verfallen. Das ist der erste Schritt, der weder selbstverständlich noch einfach zu gehen ist.

Ein Beispiel: Ich bringe einer jungen Frau aus Eritrea z.Zt. das Fahrradfahren bei. Wir sind eine leicht abschüssige Straße gefahren. Sie hat die Sache gut gemacht. Am Ende des Hügels bekam sie „ein bisschen Angst“, riss den Lenker rum und sprang einfach ab und viel hin. Ich sagte ihr: Ein bisschen Angst ist nicht schlimm. Sie muss die Ruhe bewahren und Bremsen.

Das gilt auch an anderer Stelle: Die Unruhen und Ausschreitungen in Chemnitz folgen demselben Muster: Ein Deutsch-Kubaner wird von Syrern/Irakern ermordet. Das Gift der Viper hat sein erstes Opfer gefunden. Ein schlimmes Ereignis, das evtl. auch in einen größeren Zusammenhang gestellt werden kann. Trauer, Wut, Angst, Überforderung und Ohnmacht machen sich breit, werden geschürt und aufgekocht. Es kommt zu Exzessen und manche sprechen von Menschenjagd. – Das Gift breitet sich weiter aus.  Das wiederum schürt die Ängste und den Wut der anderen, so dass beide Gruppe in Hass aufeinander prallen. Der Menschenjagd folgt die verbale Hetzjagd. Wo ist da die distanzierte Betrachtung und die kühle Analyse?

Dass der Stab mit der Schlange zum Symbol der Heilberufe wurde, möchte ich als Aufruf deuten, sich dem Gift der Viper mit den Mitteln der Vernunft, der ärztlichen Kunst, der Forschung und Wissenschaft zuzuwenden. Gott gab uns nicht umsonst den Verstand und die Vernunft, damit wir sie gebrauchen zur Analyse und Lösung unserer Probleme. Das ist der zweite Schritt.

Der dritte Schritt ruft zum Vertrauen und zur Hinwendung / zur Umkehr:

Wie wir dem Arzt vertrauen müssen und unser Leben buchstäblich in seine Hände legen, so können wir nicht bei unseren persönlichen Möglichkeiten stehen bleiben. Die Israeliten wenden sich an Mose und hören schließlich auf ihn. Mose lenkt unseren Blick auf Gott. Der Urgrund unseres Vertrauens fußt ganz tief und fest in dem Heilswillen und schöpferischen Allmacht Gottes. Vertrauen und Zutrauen.

Die Erzählung von der ehernen Schlange ist eine Erzählung von der Umkehr und Hinwendung zu Gott, in einer Welt, in der es nun mal etliche Schlangen und Gifte gibt. Gott beseitigt nicht die Schlangen, auch nicht den schmerzhaften Biss und das Fieber, sondern deren Lebensbedrohung und Lebensvernichtung.

Das zweite Bild ist das Kreuz:

Jesus bezieht das Bild der erhöhten Schlange auf sich selbst. :

Und wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, in ihm das ewige Leben hat.“ Joh. 3.14

Auch Jesus hat das Leben geliebt. Er war gern unter Menschen, hat mit ihnen gefeiert, gegessen und getrunken. Doch er lässt sich selbst beißen von der Viper der Ablehnung, des Hasses, der Einsamkeit, dem Schmerz und des gewaltsamen Totes.

Hat er damit versagt? Nein, er will mehr als nur die Rettung dieses Lebens. Er steht nicht für ein möglichst gutes, sorgenfreies Leben. Er ist der Mittler in ein neues, anderes Leben. Bei ihm geht es um das ewige Leben in Gott, um Leben in Vollendung und Fülle. Es geht um das Leben im Lichte und unter der Herrlichkeit Gottes. Leben in Gott kann ich nicht erreichen, indem ich mich ausschließlich in dieser Welt und in meinem Leben hier gut einrichte. Wir dürfen nicht erwarten, von allen Giften der Welt verschont zu werden. Manchmal bleibt uns nichts anderes übrig, als den Biss der Viper auszuhalten, so wie Christus sich dem Leid nicht entzogen hat, obwohl er es hätte tun können. Das Hinterher-Gehen Jesu, die Nachfolge Jesu ist ein Gehen durch dieses Leben, das Bewältigen diesen Lebens mit dem Blick auf mich und die Menschen und die Schöpfung um mich herum, und der Ausrichtung auf Gott hin. Nachfolge heißt meine Entscheidungen und mein Tun und alles was mir widerfährt an Jesus Christus auszurichten.

Wenn ich nur dieses eine Leben leben will – wenn ich wirklich dem Satz glaube: „Man lebt nur einmal“: Dann bin ich gezwungen, dieses Leben als einzig mir gehörendes Gut mit Zähnen und Klauen zu verteidigen – koste es, was es wolle. Dann ist es nur folgerichtig, wenn ich dieses mein Leben notfalls auf Kosten anderer verwirkliche – denn dann hat man ja sonst nichts.

Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.

Es ist ein Annehmen unseres Lebens mit allen Freuden und mit allen Tränen. Unsere Kreuze sind die Aufgaben, die wir zu bewältigen haben und denen wir uns stellen müssen. Aufgaben, die Gott uns stellt in dieser Zeit und in unserer Gesellschaft, ebenso wie in unseren Familien. Es sind die Momente der Sorgen, des Scheiterns, Versagens – und auch die Momente des Triumphs und der Siege.

Das kann man an Kleinigkeiten festmachen: Nun, ich bin dankbar für die Zeiten, in denen ich mit guten Freunden Volleyball gespielt habe, 3x die Woche laufen gehen konnte und tausende Kilometer im Jahr Fahrrad gefahren bin – Wenn all das nicht mehr geht, lerne ich daran, Abschied zu nehmen. Ja, ein Stück weit von mir selbst Abschied zu nehmen, ohne verbittert zu werden. Verlust von Fähigkeiten nicht als ein endgültiges Aus zu verstehen, sondern als ein Durchschreiten und hinter mir lassen auf dem Weg zu etwas noch Größerem – eben im Vertrauen auf den Heilswillen Gottes.

Ein anderer Zusammenhang:

Es wird z.Zt. diskutiert, ob bei der Organspende die Widerspruchslösung eingeführt werden soll. D.h. jeder ist automatisch Organspender, es sei denn, er widerspricht. Organspende kann gut und richtig und edel sein. Sie kann ein Akt der Selbsthingabe und der Nächstenliebe sein. Das ist immer eine freie Tat. Leider deutet die Diskussion auf eine andere Sichtweise, eine schier unumstößliche allgemeine Wahrheit eines herrschenden Mainstreams hin: Es gilt, dieses Leben um jeden Preis zu erhalten und zu verlängern. Das ist die einzige Perspektive auf die es ankommt, weil es außerhalb diese Lebens einfach nichts mehr lohnenswertes gibt.

Ein Hörer im Radio hat es so ausgedrückt: „Der tote Körper ist nicht`s als ein Stück verrottendes Fleisch, das es zu entsorgen gilt. Demnach kann es auch als Ersatzteillager Verwendung finden.“  Dem kann ich so nicht zustimmen: Es ist schon problematisch einen konkreten Todeszeitpunkt festzustellen, da Sterben ein Prozess ist, der erst mit der Inaktivierung der letzten Organe abgeschlossen ist. Aus der biblischem Sicht ist der Körper jedenfalls kein Ersatzteillager für noch effizient nutzbare Lebensformen, sondern hat für sich eine Würde und ist Tempel des Geistes Gottes, Träger und Gestalter der eigenen Existenz.

Jesus Christus hat unser Leben als Mensch angenommen, es durchschritten und letztlich durchlitten bis in den Tod hinein. Nachfolge ist die Annahme dieses Lebens im Blick und Vertrauen auf den erhöhten und verherrlichten Herrn. Ich brauche mein Leben in dieser Welt weder abzulehnen, noch es zum einzigen Lebenssinn zu erklären, das es um jeden Preis zu erhalten oder zu verlängern gilt. Ich kann mein Leben annehmen und es gleichzeitig loslassen, im dankbaren Vertrauen und Bekenntnis zu dem Namen, der größer ist als alle Namen. Ich kann einstimmen in den Hymnus des Philipper-Briefes:

«Jesus Christus ist der Herr» – zur Ehre Gottes, des Vaters.