Vom Kirschbaum und vom Kirchenbaum und von den Galatern

„Ich bin erstaunt, dass ihr euch so schnell abwendet“

schreibt der Apostel Paulus an die Galater. Und wenn ich aus dem Fenster den Baum betrachte, scheint es mir so, als ob die letzten Blätter vom Kirschbaum – nein: vom Kirchenbaum – abfallen. Kraftlos, verwelkt, ausgesaugt und sterbend.

Paulus erschrickt über das kurze Gedächnis der Galater, die scheinbar das Wesentliche der  Botschaft Christi vergessen haben und den erstbesten Irrlichtern hinterher laufen. Es scheint mir, dass viele auch heute die Frohe Botschaft Jesu Christi und die Zusage Gottes vergessen haben, bei all den neuen Angeboten, Erklärungen und einem Konsens, auch ohne Gott auszukommen.

Dabei – so betont Paulus – gibt es keinen anderen Weg und keine andere Möglichkeit, als diejenige, die uns von Gott her in Jesus Christus gegeben wurde. Es ist eben kein ideologisches oder philosophisches Gebäude und keine vermeintlich aufgeklärte Weltsicht, sondern Zusage des in allen Dingen mächtigen Gottes. Das galt damals und gilt bis heute.

In recht drastischen, ja manchmal schon verletzenden Worten, beschwört Paulus die Galater, nicht auf ihr eigenes Tun zu vertrauen. Egal was sie anstellen und welchen Dingen sie sich unterwerfen – aus eigener Kraft bleiben sie ein vergängliches Etwas, an das sich nach einiger Zeit niemand mehr erinnert. In seinen Augen fallen nicht die letzten Blätter vom Kirchenbaum, sondern es sind die Blätter des Kirschbaums, die fallen, weil dieser Baum nicht anders kann, als an seiner Stelle auf dieser Welt stehen zu bleiben.

Damals wie heute hat der Kirschbaum nur eine Chance: Die Gnade von Gott dem Vater und Jesu Christi.

Gnade ist liebevolle Zuwendung, Hinwendung, Mitgefühl und Erbarmen. Gnade ist die ungeschuldete Zuwendung Gottes, die ich mit nichts erzwingen oder mir verdienen kann. Ungeschuldet ist diese Gnade, weil es keinerlei Verpflichtung gibt, aus der heraus Gott sie verschenken müsste. Sie ist durch nichts zu erzwingen, weil sie allein dem freien Willen Gottes entspringt.

Ja, selbst mit all meinem Beten und allem mehr oder weniger guten Tun, habe ich kein Anrecht oder Verdienst auf das ich pochen könnte. Es gilt sogar umgekehrt: Derjenige, der sich scheinbar von Gott und Kirche abgewendet hat, kann dennoch unter der Gnade Gottes stehen. Das ist auch gut so: Wie schrecklich wäre es, wenn Menschen über die Gnade Gottes verfügen könnten, als wäre sie ihr Eigentum. Letztlich kann sich aber niemand zurücklehnen und meinen, der liebe Gott wird schon nix machen. Solches Denken nimmt Gott nicht ernst.

Paulus mahnt: „Täuscht euch nicht: Gott lässt seiner nicht spotten; denn was der Mensch sät, wird er auch ernten. Denn wer auf den Boden der menschlichen Selbstbezogenheit sät, wird von diesem Boden Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, wird vom Geist ewiges Leben ernten“

Auf die Gnade habe ich keinen Anspruch – sie wird geschenkt und gegeben aus freien Stücken und aus der Liebe des Herzens Gottes. Diese Gnade verändert, verwandelt und schenkt den vollständigen Frieden in und mit Gott.

Wo mir die Gnade Gottes begegnet, kann ich sie nur dankbar entgegen nehmen, annehmen und in mir aufnehmen. Unsere Antwort auf die Gnade Gottes ist der Glaube. Beides zusammen – Gnade und Glaube – rettet über den Tod hinaus. Ich kann die Gnade Gottes erbitten – für mich, für meine Lieben und sogar für die Verstorbenen. Das eine wird mir geschenkt, zu dem anderen muss ich mich durchringen.

Kann man sagen: „Je geringer der Glaube, desto größer die Gnade?“ und: „Kein Glaube ohne die Gnade Gottes?“ (Röm. 5.20; 6.1 + 15ff.) Ich denke schon.

Gottes liebevolle Zuwendung entspricht seinem Heilswillen für jeden einzelnen von uns, für all diejenigen, die auf den Friedhöfen der Welt ruhen – ja letztlich für die ganze Welt. Seine Zuwendung kommt immer wieder und wieder. Sie wird erneuert und nimmt immer noch einmal einen Anlauf, gleich wie oft unser Glaube und unser Leben aus dem Glauben zu schwach werden.

Die Gnade ruft und befreit zur Heiligkeit:

  • sie vergibt alle Schuld und Sünde
  • sie schenkt ein neues Leben
  • sie gewährt Anteil an der Herrlichkeit Jesu Christi
  • sie wendet unser Herz hin zum Glauben und Vertrauen an den einzigen Retter und Erlöser, der uns gegeben ist: Jesus Christus, in der Einheit des Heiligen Geistes mit Gott dem allmächtigen Vater.

So wird aus dem Kirschbaum dann doch noch ein Kirchenbaum, der in einem anderen Jahr seine Blüten treibt.