Die Könige von Betlehem – Eine Predigt, die nie gehalten wird

Ziemlich am Schluss der Weihnachtszeit kommt die Erzählung von den drei Königen aus dem Morgenland (Mt 2, 1), die das Kind Jesus suchten als neuen König der Juden. Es ist Sternsingerzeit und jeder Gottesdienst ist bestimmt von Sternsingeraktionen. Das ist nicht nur schön, sondern sogar sehr gut. Ich freue mich, wenn so viele Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aktiv auf der Straße und in der Kirche und im Namen Jesu unterwegs sind. Leider gehen dabei die drei Könige in ihrer Bedeutung völlig unter, werden manchmal sogar banalisiert.
Manch einem kommt noch in den Sinn, dass die drei ein Zeichen sind, nach dem nicht nur Israel, sondern alle Menschen zum Heil in Gott gerufen sind. Andere mögen sich daran erinnern, dass bereits in den Texten des Alten Testaments angekündigt wurde, Völker aus aller Welt, aus Seba und Saba kämen, um dem Messias zu huldigen (Ps 72,10). Diese Prophezeiung habe sich jetzt erfüllt. Alles richtig; vielleicht gibt es aber noch etwas mehr.

Denn eigentlich waren es gar keine Könige. Manche Übersetzungen reden von den „Weisen“. Richtiger dürfte wohl sein „Sterndeuter“. Beide Begriffe lösen eher ein Schmunzeln hervor und man denkt an Kaffeesatzleser und Kristallkugelbefrager. Das wird der Sache aber nicht gerecht. Vielmehr sind mit den Weisen und Sterndeutern die Wissenschaftler und Forscher ihrer Zeit gemeint. Arrogant wie wir sind, rümpfen wir erneut die Nase: „Richtige Wissenschaft gibt es doch allerhöchstens seit der Aufklärung.“ Dass dem nicht so ist, zeigt schon ein unbefangener Blick in die alte Zeit. Es gab bereits damals erstaunlich gute astronomische Beobachtungen, Untersuchungen und Schlussfolgerungen, auch wenn sie immer wieder mit astrologischen Annahmen verbunden wurden. Wie wir heute Methoden und Theorien vergangener Zeiten die wissenschaftliche Korrektheit absprechen, so mögen nachfolgende Generationen über unsere Bemühungen urteilen.

Daher:
Es waren hoch angesehene Gelehrte und Wissenschaftler ihrer Zeit!
Auf der Basis ihrer Möglichkeiten haben sie die Natur und Umwelt beobachtet, Theorien aufgestellt und versucht, diese zu überprüfen. Dabei scheuen sie weder Kosten noch Mühen. Sie verlassen bekanntes Terrain und machen sich auf einen langen Weg durch unbekanntes Gebiet. Sie holen fachübergreifende Konsultationen ein, um sich ihres Weges zu vergewissern. Manches nehmen sie, anderes verwerfen sie.
Nach was sie suchen ist keineswegs das, was wir vorschnell annehmen. Sie suchen keineswegs den Herrn der Welt und Schöpfung. Sie wissen nichts von einem Gott, der uns in menschlicher Natur begegnen will. Sie suchen niemanden, der sie aus der Enge von Raum und Zeit, von der Endlichkeit des Werdens und Vergehens in die Weite der Unbegrenztheit Gottes führt.
Sie versuchen nur nachzuprüfen, ob man anhand der Sternenkunde die Geburt eines regionalen, weltpolitisch unbedeutenden Königs / Herrschers verifizieren kann. Am Ende dieses Weges finden sie nur ein Kind in erbärmlicher Umgebung. Am Ende des Weges finden sie keinen Herrscher Israels. Am Ende des Weges finden sie Jesus, den Christus: das Wort Gottes, durch das die Schöpfung ins Sein gerufen wurde und das sich menschlich erfahrbar gemacht hat. Sie finden etwas völlig anderes und ein vielfaches mehr, als das, nach dem sie gesucht haben. Was von dem war ihnen bewusst?

Für mich liegt in dieser Erzählung etwas sehr tröstliches: Gottes Gnade und Liebe führt uns auf den unterschiedlichsten Wegen zu sich. Er führt Menschen unterschiedlichster Ausgangssituationen auf der Basis ihrer Befähigungen und Talente und ihres Schaffens zu sich und eröffnet ihnen Dimensionen, an deren Existenz sie nicht gedacht haben. Gott ist eben immer der Größere und der ganz Andere, als es in meine Vorstellungen, mein Wissen und Können passt. Daher dürfen wir auch in Zeiten des Umbruchs, des Abbruchs und scheinbaren Niedergangs, getrost Pessimismus und kirchliche Untergangsstimmung beiseite legen. Er führt auch heute noch die Menschen und unsere Welt zum Ziel – auf seine Weise und nicht so, wie ich das manchmal gerne hätte.