Die Realität ist grausamer – Missbrauch und Gewalt

In dieser Zeit werde ich manchmal gefragt: „Warum bist Du überhaupt noch bei dem Verein? Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum Du dich für einen solchen Sauhaufen vor den Karren spannen lässt. Die nutzen dich nur aus.“

Ja, es ist richtig schwer momentan für die katholische Kirche zu stehen und einzustehen. Immer und immer wieder wird in ganzseitigen Ausgaben der Missbrauch in der katholischen Kirche beschrieben. Und da gibt es auch nichts zu beschönigen. Das Leid, das hier zugefügt wurde ist schlicht nicht zu verharmlosen und geradezu grotesk vor dem Hintergrund einer Kirche Gottes. Es gibt aber nicht nur den sexuellen Missbrauch, sondern auch Machtmissbrauch und ein Amtsgebaren, das manch einen ausschließt und klein hält. Der Bischof von Mainz hat von einer Kirche des Teilens gesprochen, einer Kultur des Teilens von Verantwortung. Ist unsere Kirche wirklich bereit Verantwortung abzugeben? Viele haben da ihre Zweifel.

Wer soll es einem verdenken, wenn die Menschen der Kirche den Rücken zukehren? Viele fragen sich zudem, wozu Kirche überhaupt gut ist und wozu man sie braucht? Geht doch wunderbar ohne!!

Tatsächlich hat die Studie über Missbrauch in der katholischen Kirche für das Bistum Mainz 53 beschuldigte Geistliche zu Tage gefördert, denen 169 Opfer mit all ihrem Leid gegenüber stehen. Rund 35 Taten wurden vertuscht und nicht aufgearbeitet. Das ist erschreckend. Man muss aber auch sehen, dass diese Zahlen sich auf den Zeitraum seit 1946, also auf die letzten 70 Jahre erstrecken!

Die in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene Realität ist leider viel grausamer als man denkt. Ich habe in den letzten 8 Jahre im Kreis X mir alle Fälle notiert, die mir in meiner zivilen, dienstlichen Tätigkeit oder in ähnlicher Funktion bekannt geworden sind.

3x Vater missbräucht seine eigenen Kinder

2x war es der Lebensgefährte der Mutter, der seine Stiefkinder missbrauchte

1 Mutter erstickt ihr 2 Wochen altes Baby mit dem Kissen

1 Vater hat mit dem Messer auf sein eigenes Kind eingestochen

1 Musiklehrer vergeht sich an einer Schülerin

1 Sporttrainer im schulischen Bereich vergeht sich an 13jährigem Mädchen

1 Elterpaar hat ihr 6 Monate altes Baby fast zu Tode geprügelt

2 afghanische Flüchtlinge vergewaltigen ein 16jähriges, behindertes Mädchen mit Downsysndrom

1 16Jähriges Mädchen wird vergewaltigt. Sie wird schwanger mit einem Kind, das an Trisomie 21 leidet. Das Kind gibt sie zur Adoption frei.

1 Frau erzählt, dass sie von ihrem Bruder und ihrem Vater missbraucht wurde. Seit dieser Zeit leidet sie an Angstattacken.

3 Fälle des Missbrauchs durch Vater und Großvater

allein das im Kreis X – nicht im Bistum Mainz – in den letzten 8 Jahren – nicht seit 1946. Die Kriminalstatistik allein für das Jahr 2017 weist 12.850 Kinder als Opfer sexueller Gewalt in Deutschland aus.

Das ist wirklich erschreckend. Und es macht die Taten in der Kirche nicht besser. Ich nehme aber schon eine verzerrte Darstellung wahr. Ist die kath. Kirche nicht ein willkommener Täter, damit die Gesellschaft sich nicht unangenehmen Fragen nach ihrem Verhältnis zu Sexualität, Familie, medialer Darstellung und ihren tragenden Werten machen muss? Welche Aufarbeitung, Prävention und Ursachenforschung wird in den anderen gesellschaftlichen Bereichen geleistet? Davon höre ich nichts, wohl aber den ständigen Ruf, die Kirche tue zu wenig. Es wird der Eindruck erweckt, man muss nur die Kirche zur Räson bringen, – manch einer denkt wohl eher ans völlige Auslöschen – und schon ist die Welt in Ordnung.

Was soll ich davon halten, wenn am Sonntag (10.03.2019 20:15h) im „Tatort“ harter Sex eines Mit-Fünzigers mit einem 15jährigen, minderjährigen Kind gezeigt wird? Beste Porno-Qualität! Der Film verurteilt das noch nicht einmal. Der Mann wird wegen Tötung eines Motorfahrers verhaftet. Eine Arbeitskollegin meinte: Alles nicht so schlimm – die 15jährige hat`s ja freiwillig gemacht!

Ist die Dating-Show bei RTL – hautnah – nackte Begegnungen nur ein unterhaltsamer Spaß? Alleinstehende Single treffen sich völlig nackt um sich zu verlieben – die Kamera ist dabei – und die Zuschauer geifern vorm Fernsehen mit. Mir kann keiner erzählen, dass dies nichts mit einer Bewusstseinsänderung und Sexualisierung unserer ganzen Gesellschaft zu tun hat.

Das Unrecht der Kirche und das gesellschaftliche Unrecht, die Schuld und das Leid fallen so und so auf die Kirche zurück. Sie hat dieses Unrecht zu tragen. Schuld und Versagen – hier wie dort, und bei uns selbst – sind nie nur die individuelle Sache des Einzelnen. Schuld hat Folgen, die getragen werden will. Die Schuld von Priestern, Bischöfen, Kardinälen und Diakonen fällt auf die ganze Kirche zurück. Sie ist selbst dann noch aufzuarbeiten, wenn die Täter verstorben oder die Taten verjährt sind. Auch das Unrecht unserer Gesellschaft und das Versagen von Medien, die Programmierung ganzer Mainstreams – all das ist nicht nur ein bedauernswerter Fehler, sondern Schuld, die von der ganzen Gesellschaft – und der Kirche aufgearbeitet werden muss.

Im Buch der Richter heißt es: „So ließ Gott das Verbrechen, das Abimelech getan hatte… auf ihn zurück fallen. Auch auf die Einwohner von Sichem ließ Gott alles Böse, das sie getan hatten, zurückfallen“

Ein anderer Punkt:

Immer mehr junge Menschen können nichts mehr mit Gott und Kirche anfangen. Das ist Fakt. Liegt das möglicherweise auch an uns, an mir und meinem Versagen dieser Generation gegenüber? Warum laufen sie allen möglichen Dingen hinterher in der Überzeugung, ohne Gott und einen gelebten Glauben auskommen zu können? Ich habe keine Ahnung.

Ist es vermessen darauf zu hoffen, dass aus einer Erneuerung der Kirche, eine Erneuerung der Gesellschaft entstehen könnte? Doch wie sollen wir das anstellen?

Der Bischof von Mainz hat in seinem Hirtenbrief klar zum Ausdruck gebracht: Es geht nicht nur um eine Strukturreform, sondern es geht um eine geistliche Erneuerung. Um eine innere Umkehr und Hinwendung. Innere Erneuerung und Besinnung auf den Kern und die Essenz unseres „Kirche-Sein“.

Vieles an dem Zustand der Kirche, unserer Gemeinden und der gesellschaftlichen Situation schmerzt mich. Es tut mir innerlich weh, weil ich mich mit dieser Kirche identifiziere. Ja, ich fühle mich als Teil und Bestandteil der Kirche. Kirche ist eben nicht in erster Linie Institution und Amt, sondern Kirche ist Volk Gottes. Christus bezeichnet uns als seine Brüder und Schwestern. Wir sind die Familie Gottes, und als Familie geht es nicht nur um Einzelkämpfer, sondern es geht um das Ganze. Es geht um Verantwortung füreinander und miteinander.

Paulus sieht eine ganz tiefe und innere Identifikation Christi mit seiner Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden, wenn er sagt: die Kirche ist der Leib Christi. Ihr hier seid der Leib Christi! Wenn ein Glied leidet, dann leiden alle. ( 1 Kor 12,26 + 27). Gerne wird Kirche als Mutter beschrieben, die für die ganze Familie da ist, sich um sie kümmert. Kirche soll die Liebe Gottes weiter tragen. Ihre Aufgabe ist es, die Botschaft Christi vom Reich Gottes, das uns jetzt bereits umgibt, zu verkünden. Kirche soll Vertrauen säen in die Güte und Gegenwart Gottes. Ja, durch die Kirche soll Christus selbst Gestalt annehmen in der Welt. Doch nur zu oft ist das Gegenteil der Fall. 

Das Desinteresse an der Kirche steht in groteskem Gegensatz dazu, dass viele sagen, sie glaubten irgendwie an irgendetwas Höheres. Wie eine Krake hat sich die Auffassung durchgesetzt, Kirche seien die Abgehobenen, Lebensfremden, die man eigentlich nicht bräuchte. Ja, eigentlich braucht man niemanden, weil jeder sich selbst seinen Glauben irgendwie zusammenschustert. Wir sind meilenweit davon entfernt, wirklich innerlich sagen zu können: Wir sind Kirche Gottes in der Welt – zum Heil der Welt. Wir sollen der Welt Gottes Heil zu verkünden und es in sie zu implementieren. Das geht nicht allein, sondern nur als Gemeinschaft, als Kirche, weil jeder allein nicht alles ist und kann. Weil nicht jeder sich seinen Glauben selbst machen kann, denn dann entartet er in ein selbst-gebasteltes Ich und es wird nicht Gott verkündet, sondern man verkündet sein eigenes Ich. Wir brauchen uns gegenseitig um Kirche zu sein.

Ich weigere mich nur Untergang und Niedergang zu sehen. Ich weigere mich hoffnungslos dem Schicksal seinen Lauf zu lassen. Nicht weil ich oder Sie oder wir das ändern könnten. Nein: Christus verändert und wandelt die Welt und ist in seiner Kirche gegenwärtig. In allem was da Dunkel sein mag. Unsere Glaubensgemeinschaft entsteht nicht aus uns heraus, sondern von Christus her. Sie wird von ihm her genährt und erhalten. Lesung (Ph. 3, 20ff) und Evangeliums (Lk 9, 28) zeigen uns das:

Jesus ist derjenige, der ganz und gar von Gottes Macht und Herrlichkeit durchdrungen ist. Er ist erfüllt von Gottes Gegenwart und Präsens. In ihm sind keine Schatten und kein Dunkel. In ihm hat kein Unrecht Platz. In seinem Licht wird alles vernichtet, was gottwidrig und menschenfeindlich ist. Indem er die Apostel mit nimmt, lässt er sie Teil werden und Teil haben an seiner Wahrheit und an der Kraft seiner Veränderung und Verwandlung.

Der Weg Jesu geht vom Berg der Verklärung ins Tal des Kreuzes. Jesus wird von der Schuld der Menschen getroffen. Die Schuld der Menschen treibt Jesus Christus ins Leid und in den Tod. Ich bin davon überzeugt, dass Christus sich auch heute von unserer Schuld, unserem Versagen und den Verbrechen seiner Kirche treffen lässt. Er geht mit diesen Dinge in den Tod – und verwandelt den Tod und das Leid in die Herrlichkeit der Auferstehung. Wo wir die lebendigen Verbundenheit mit Christus suchen, da nehmen wir Teil an seiner Auferstehung – seiner Verwandlung und seiner Herrlichkeit.

Die Lesung sagt: „Unsere Heimat ist im Himmel.“ d.h: „Verankert euch mitten in dieser Zeit im Himmel, d.h. in Gott selbst.“  Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören!“ D.h.: sich ihm zuwenden – still werden – bereit sein zu empfangen und sich ihm öffnen, damit jede Erneuerung bei ihm anfängt und von ihm her getragen wird.

Ich denke, das hat der Bischof gemeint: Es gibt keinen Bistumsprozess oder Strukturwandel ohne die innere Erneuerung von Christus her. Von ihm her erbitten wir die Erneuerung, den geistlichen Umbruch. Von Christus her ist tatsächlich ein Aufbruch in Zukunft voller Glaube und Hoffnung möglich. Die Liebe Gottes zu uns allen – zu seiner Kirche – hört nie auf. Sie treibt an, verändert und verwandelt – aber sie hört nie auf.

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