sensire cum …

Wenn ich mich hier umschaue, sehe ich in viele bekannte Gesichter, von deren Leben ich nicht allzu viel weiß. Ich bin mir aber sicher, dass Sie alle auf ein sehr buntes und vielschichtiges Leben zurück blicken können. Auf viel Lachen, viel Freude und viel Gutes, das sie erfahren haben. Es wird aber auch manches dabei sein, was schwer war, schmerzvoll und hart. Möglicherweise sind Sie immer wieder hier, weil Sie erfahren haben, dass sie diese Zeiten der Schwere, der Unsicherheit und des eigenen Versagens, nicht allein durchgestanden haben, sondern liebe Freunde, Ehepartner, Eltern und Kinder – ja Gott selbst an der Seite hatten. Manch einer kann sagen: Gott hat mich durch diese Zeiten getragen und begleitet. Ich kann für meinen Teil auf solche Zeiten voller Schmerz und Verzweiflung zurück blicken. Ich kann sagen: Christus hat mich nicht allein gelassen. Er war tatsächlich bei mir und hat meine Wege und Irrwege immer wieder gerichtet.

Umso irritierender ist das Wort, das wir in der Lesung (Kol 1.24) gehört haben: Ich freue mich in den Leiden, die ich zu tragen habe“. Ich habe mich noch nie über Leid und Schmerzen gefreut. An wirklich heftigen Schmerzen gibt es keine Freude. Dann die Ergänzung: „Ich ergänze in meinem irdischen Leiden, was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt…“ Soll das etwa heißen, Gott hat da oben einen riesigen Bottisch aufgestellt, der mit dem Leiden der Menschen zu füllen ist. Und erst wenn er randvoll ist, ist Gott zufrieden? Vertritt die Kirche einen Leidens-Masochismus, der jede Freude am Leben ersticken will. Wenn dem so wäre, müsste ich Stola und Albe ablegen.

Nein. Es ist richtig: Christus geht mit uns durch unser ganzes Leben, teilt es mit uns, freut sich an allem Gelingenden und trägt mit uns an allem, was uns weh tut. Das stellt Paulus nicht in Abrede. Er schlägt aber eine weitere Seite auf und dringt in eine tiefere Schicht vor, die sich ihm wie ein Geheimnis auftut:

Er versteht sein Leiden als Mit-tragen mit den Leiden Christi. Lassen Sie mich dazu 3 Gedanken formulieren:

  1. Mitleiden an den Bedrängnissen Christi für seine Jüngerschaft

Jesu Sorge galt den Menschen und die Eröffnung einer Perspektive, die weit über alle Möglichkeiten dieser Welt hinaus weist. Er kam und wusste von einer Realität, die im Guten und Besten jede Vorstellungskraft sprengt. Er wusste um die Macht und Liebe der Herrschaft Gottes, die immer wieder sich in dieser Welt Bahn bricht und die nur das Ziel hat, uns in die Seligkeit, den Frieden und die Vollkommenheit unseres Lebens zu führen. Jesus litt und leidet an dem Unglauben der Menschen, dem Misstrauen und der Missachtung seiner frohen Botschaft vom Reich Gottes, das sich in dieser Welt immer wieder neu Bahn bricht. Er leidet noch heute an dem Unverständnis und der Ablehnung in unserer Zeit. Seine Botschaft stößt auf Ablehnung, Zurückweisung, Verleumdungen, Verzerrungen und nicht wenige machen sich darüber lächerlich. Der Anteil der Menschen, die sich in den Gemeinden unserer Pfarrgruppe zu keinem christlichen Glauben, oder zu überhaupt keiner Religion mehr bekennen, ist höher als der der kath. Christen. Jeder Sportverein hat mehr Mitglieder als es noch Katholiken auf dem Papier gibt.

Mit-Leiden an den Bedrängnissen Christi für seinen Leib, der die Kirche ist. Das meint Paulus hier und das meint Papst Franziskus in seinem Brief an die Kirche in Deutschland: sensire cum ecclesia. Mitfühlen mit der ganzen Kirche. Jeder von uns soll sich als Jünger/in Christi verstehen, dem die Kirche Christi als Ganzes am Herzen liegt. Wo es weder darum geht Macht zu setzen, noch darum alles einfach umzuwerfen, um des Umwerfens willen,

sondern wo es um ein Mitfühlen mit diesem Organismus Kirche geht, den wir alle zusammen bilden. Ein Mitfühlen und Mitgestalten im Geiste und in der Kraft des hl. Geistes.

Mitleiden an den Bedrängnissen Christi für seine Jünger – für seine Kirche

  1. Mit-Leiden am Unrecht der Welt – und an dem eigenen Versagen

Wie eine große Fahne wird der Satz voran getragen: Christus hat für uns gelitten und ist für uns gestorben. Die tiefe Bedeutung dieser Aussage mutiert manchmal in Oberflächlichkeit. Jesus ist in erster Linie an dem Unrecht der Welt gestorben. Er musste leiden unter der Angst von Menschen ihre Macht zu verlieren. Pilatus knickt ein, weil er Angst hat einen Rebellen frei zu lassen oder auch nur in den Ruf zu kommen, er hätte die Herrschaft Roms nicht geschützt. Jesus musste leiden an den Anmaßungen der Hüter des jüdischen Glaubens, die meinten Gott vor Lästerung und Irrlehren schützen zu müssen. Jesus hat das ganze Unrecht und die Gewalt seiner Zeit getroffen. Christus lässt sich auch heute treffen von dem Unrecht und der Gewalt unserer Zeit. Die Schreie der Leidenden treffen ihn als Peitschenhiebe. Gerade wenn es Unrecht ist, das seine eigene Kirche verursacht.

Wie sieht das mit mir aus? Ja – ich habe schon vielen Menschen in meinem Leben Unrecht getan. Ich habe etliche verletzt und verleumdet. Ich an Not vorbei gegangen. All dies hat Leid und Schmerz verursacht. Das allermeiste davon kann ich nicht ändern und erst recht nicht rückgängig machen. An meinem Unrecht leiden andere.

Ich glaube, dass Paulus tatsächlich ein tiefes Geheimnis für sich entdeckt hat: Wie Christus sich vom Leid der Welt treffen lässt und es mitträgt, so will Paulus sein eigenes Leiden als spürbares Mit-Leiden am Leid der Welt verstehen. Das ist wirklich eine Dimension der Solidarität mit Welt und Schöpfung und Kirche, die nicht jeder mitgehen kann.

Mit-Leiden am Unrecht der Welt

  1. Bei Christus sein und das Gute haben.

Würden wir an dieser Stelle stehen bleiben, so wären wir immer noch ein masochistischer Verein, dem man getrost den Rücken kehren kann.

Im AT heißt es vom Geist Gottes: „…meine Freude war es bei den Menschen zu sein“ (Spr. 8, 31). Ja doch wohl nicht, weil da alles zu schrecklich ist. Im Gegenteil dürfte das Gute in den allermeisten Fällen überwiegen. Lassen Sie uns nicht die Schönheiten im Leben vergessen – lassen sie uns die Lebensfreuden immer wieder neu entdecken. Ich könnte sagen: „Schade, dass heute morgen nicht mehr Leute zum Gottesdienst gekommen sind.“ Ich kann aber auch sagen: „Schön dass Sie da sind. Ich freue mich, Sie hier zu treffen“. Die 92jährige Oma Hilde hat gestern auf der Liege liegend den Himmel betrachtet und in ihrer Demenz ganz und gar glücklich ausgerufen: „Seht das nicht? Der Himmel, wie wunderschön er ist! Seht doch mal hin“

Sich freuen über das was gut ist. Das tut Paulus auch. Er freut sich mit den Kolossern und ist mit Ihnen dankbar Es sind nur 2 Sätze, in denen das Leid betrachtet wird. Die restlichen Sätze, die wir in der Lesung gehört haben, zeigen eine völlig andere Seite:

Es ist von einem Plan des Heiles die Rede

Reichtum der Herrlichkeit

Überwindung und Verwandlung von allem, das wir mit Todes-Verfallenheit, Unzulänglichkeit und Begrenztheit bezeichnen können.

In Christus und mit Christus ereignet sich das Gute und der Friede in Gott. Wählen wir das Gute, wie Maria und Marta im Ev. (Lk 10, 38) Sie lassen Christus in ihr Haus – in ihr Leben – in ihr Herz. Es ist eine Freude für Jesus, bei diesen Geschwistern – bei den Menschen, in ihrer Lebenswelt, zu sein. Marta und Maria sind 2 Seiten derselben Medaille. Die eine Seite sorgt sich um Jesu und mit Jesus. Sie stellt ihn in den Mittelpunkt des Handelns und Tuns. Die andere Seite setzt sich ihm zu Füßen und hört zu, ist Empfangende und hörende Schülerin. Weil seine Worte, Worte des Lebens sind.

Es sind nicht irgendwelche Worte von irgend jemandem. Durch Christus hat Gott alles Seiende geschaffen. In Christus hat alles Bestand – und in ihm kommt alles zum Ziel (Kol 1.12ff). Da wird die Mondlandung und die Raumfahrt glatt zur kleinsten Nichtigkeit.

Durch ihn sind wir Erlöste, d.h. aus den Bedrängnissen und der Todes-Verfallenheit Herausgenommene.

Unser Ziel und unser Zu-Hause ist das Licht und die Liebe in Gottes Ewigkeit.

Alles Unrecht ist austilgt.

Alle Wunden sind nur noch Narben, die nicht mehr schmerzen.

Durch Christus werden wir Gereinigte und Geheiligte.

In Christus werden wir zu einer neuen Schöpfung, zu neuen Menschen, die von Gottes Gegenwart, Gottes Leben und Gottes gutem Geist erfüllt sind.

Eben:

Bei Christus sein und das Gute haben. Wider allem was uns die Freude an diesem Leben und dem Leben in Gott ausreden will. Amen