Organspende – Eine bewusste Entscheidung ist notwendig

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Wie die Israeliten sich in der Nacht bereit hielten für das Erscheinen des Herrn, so fordert auch das Evangelium zur Achtsamkeit und Wachsamkeit auf. Unser Reden und Handeln wird Ernst genommen wird. Aber auf was sollen wir achten und wachsam sein?Es gilt zunächst Klarheit zu schaffen, was wirklich wichtig für mich ist. Was sind die Schätze meines Lebens, die Haltungen und Ausrichtungen, an denen ich mich orientiere?

Entscheidungen und Bewertungen unseres Handelns können sehr komplex und schwierig sein. In eine konkrete Situation geworfen, sind wir oft überfordert. Gerade in diesen Lebensentscheidungen ist es wichtig sich zurück zu binden an den Geist Gottes, an das Wort Gottes, an den Herrn und Richter über unser Leben – Jesus Christus. Erst aus dieser Rückbindung heraus finden wir dann eine Gewissensentscheidung, die begründet und Bestand hat. Eben einen Schatz, der es wert ist nach ihm zu suchen.

Was bedeutet das konkret?

Immer wieder wird in der öffentlichen Diskussion das Thema „Organspende“ behandelt. Vor etlichen Jahren habe ich eine entsprechende Vollmacht unterzeichnet und meiner Frau gegeben. Ich kenne einige Leute, die nur noch deshalb leben, weil es jemanden gegeben hat, der seine Niere oder gar Herz zur Verfügung gestellt hat. Diese Menschen sind dankbar für die Bereitschaft der Spender. Ich bin dankbar, dass diese Menschen noch leben und mein Leben bereichern. Der Katechismus nennt dies einen Akt der Nächstenliebe über den Tod hinaus. „Seid achtsam und wachsam“ fordert aber heraus genauer hinzuschauen, gerade wenn jeder zukünftig zum automatischen Spender werden soll. Nur ein – wie auch immer gearteter Widerspruch- soll dem entgegen stehen.

A) Das tut doch niemandem mehr weh – das Zeug brauchst du doch eh nicht mehr

Falsch! Ein toter Körper ist für die Organspende ungeeignet. Die Organe müssen noch leben, wenn man sie verpflanzt. Früher galt man als tot, wenn kein Atem und kein Puls mehr feststellbar war – dann war man tot wenn der Herzstillstand festgestellt wurde – Heute gilt der Hirntod als sicheres Todesanzeichen. Doch das ist nur eine juristische Definition. Es ist ein juristisch festgelegter Punkt, ab dem die Entnahme von Organe keine strafrechtliche Konsequenz aus der Sicht der Körperverletzung oder Tötung darstellt. In Spanien z.B. wurde der Zeitpunkt auf Herzstillstand festgelegt, selbst wenn eine Reanimation noch denkbar wäre.

Dagegen steht der Tod am Ende eines Prozess, in dessen Verlauf der Körper langsam stirbt bis tatsächlich alle Körperfunktionen erloschen sind. Es gibt mittlerweile Fallgestaltungen, in denen Hirntote tatsächlich zurück gekehrt sind. Auch der Hirntote erhält je nach Fall Narkose, weil es trotz des Hirntodes zu Reizreaktionen kommen kann. Ein hirntoter Mensch hat eine Stufe des Sterbens erreicht, die zu über 99% zum Tod führen wird: Aber er ist nicht tot.

Das bedeutet: Derjenige, der sich hier spendet gibt tatsächlich etwas aus seinem Leben auf. Er gibt tatsächlich eigenes Leben hin, damit ein anderer leben kann. Das kann nur durch einen freiwilligen Akt und eine bewusste Entscheidung geschehen. Diese Sicht macht den Spender so wertvoll. Das allein würdigt ihn als Her-Gebender.

B) Wenn ist tot bin, ist der ganze Leib nichts mehr wert. Dieses ganze Fleisch verrottet eh – soll es ein anderer haben.

Falsch: Dieser Leib ist nicht nichts. Unser Körper ist Teil unserer Identität. Der Körper bildet mein Eigenbild und mein Selbst-Bewusstsein. Nur in diesem Körper bin so geworden wie ich bin. Der Körper eines Super-Athleten führt zu einem andern ICH-Bild, als der eines von Geburt an Blinden. Ich habe nicht einen Körper, wie man etwas fremdes hat, sondern ich bin Körper und Geist und Bewusstsein. Daher ist der Körper ein Teil meiner Identität, die auch nach dem Tod nicht aufhört. Gott hat durch die Menschwerdung Christi die Körperlichkeit geheiligt, und in der Auferstehung eine Wandlung des Existenz geschaffen, die auf eine körperliche Struktur zurückgreift.

Der Körper ist nicht ein Dreck, den man wegwerfen kann. Die Würde des Menschen ist nicht nur sein Geist, sondern auch auf seine körperliche Integrität bezogen.

Wer dies sieht, erkennt erst die Größe der Bereitschaft zur Organspende. Der Mensch bleibt über den Tod hinaus mehr als nur ein Ersatzteillager, auf das die Gesellschaft zugreifen kann. Erst aus der bewussten Entscheidung heraus erwächst die Dankbarkeit für die Hingabe.

C) Leben um jeden Preis, weil es danach nichts mehr gibt

Was mich wirklich ärgert und erschaudert, ist die Sichtweise, dass nach dem Tod sowieso alles vorbei ist. Es gibt keine Existenz über den Tod hinaus. Alle, die daran festhalten, werden als bedauerliche, unaufgeklärte Minder-Menschen betrachtet, die sich auf Vertröstungen der vorwissenschaftlichen Zeitenwende zurückziehen müssen. Es gibt nach dem Tod nichts mehr, und daher ist es gerechtfertigt, ja geradezu zwingend, dass das Leben im Jetzt und Hier um jeden Preis zu erhalten ist.

Die nächste Stufe in dieser Argumentation liegt dann in dem Druck auf Angehörige und Schwerkranke ja einer Transplantation zuzustimmen. Ansonsten machen sie sich gar mitschuldig am Tod des anonymen Empfängers, dem sie das Leben verweigert haben. Der tote Angehörige hat ja eh nichts mehr davon und bleibt so oder so im Tod.

Das ist zutiefst unchristlich. Hier gilt das Wort des Evangeliums: Seid achtsam und wachsam, dass ihr nicht in die Irrwege solcher Argumentationen verfallt! Wer so denkt, investiert letztlich nur in eine Welt, die endet und vergeht. Er investiert in Geldbeutel, die alt werden, die gestohlen werden und die von Motten tatsächlich zerfressen werden.

D) Ist es egal, an wen ich meine Organe weiter gebe?

Bei der angedachten Widerspruchslösung wird jede bewusste Entscheidung gerade ausgeschaltet. Der Körper wird zu einem Ersatzteillager auf das zugegriffen werden kann. Damit wird auch eine Entscheidung vereitelt, die besagt, an wen das Organ weiter gegeben werden darf. Das kann eine bewusste Entscheidung zugunsten einer bestimmten Person sein. Es könnte natürlich auch eine Entscheidung sein, in der jemand einen konkreten Empfängerkreis ausschließt. An diese oder jene soll mein Herz nicht weiter gegeben werden. Wem verhelfe und schenke ich ein weiteres Leben? Ist mir das gleichgültig?

Wer sich darüber Gedanken gemacht hat, und sich bewusst für eine anonyme Spende – gleichgültig an wen- entscheidet, der hat wahrlich ein großes Herz vor Gott. Er vertraut auf die Liebe Gottes in jedem Menschen. Er vertraut darauf, dass Gott mit jedem Menschen das Gute will und für jeden eine Aufgabe bereit hält, die er erfüllen soll und kann. Er vertraut darauf, dass Gott in dem geschenkten Leben, das der Spender ermöglicht, die Güte und Liebe in die Welt hinein tragen kann.

Eine bewusste Entscheidung des Gewissens und vor Gott

Möglicherweise habe ich Sie mit diesen Gedanken verwirrt und verunsichert. Wenn wir achtsam und wachsam sein sollen, dann heißt das aber, dass wir unsere Lebensentscheidungen verantwortlich treffen. Dass wir uns als Schüler zu Christi Füßen setzen sollen und unsere Fragen und Zweifel und die Anforderungen unserer Zeit vor ihn tragen. Aus dieser Haltung heraus können wir dann Entscheidungen treffen, die Respekt, Achtung und Dankbarkeit verdienen.