Zerbrochene Beziehungen

Ex 32, 7 – Auszug-

Da sprach der Herr zu Mose: Geh, steig hinunter, denn dein Volk, das du aus Ägypten heraufgeführt hast, läuft ins Verderben.
Schnell sind sie von dem Weg abgewichen, den ich ihnen vorgeschrieben habe.Ich habe dieses Volk durchschaut: Ein störrisches Volk ist es. Jetzt lass mich, damit mein Zorn gegen sie entbrennt und sie verzehrt. Dich aber will ich zu einem großen Volk machen.
Da versuchte Mose, den Herrn, seinen Gott, zu besänftigen, und sagte: Warum, Herr, ist dein Zorn gegen dein Volk entbrannt? Du hast es doch mit großer Macht und starker Hand aus Ägypten herausgeführt. Denk an deine Knechte, an Abraham, Isaak und Israel, denen du mit einem Eid bei deinem eigenen Namen zugesichert und gesagt hast: Ich will eure Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel.
Da ließ sich der Herr das Böse reuen, das er seinem Volk angedroht hatte.

Weingläser stehen für Geselligkeit – künden von Freundschaften – guten Gesprächen – vertrauensvoller Offenheit – Sie wissen um das tiefe Miteinander von Ehepaaren – von stolzen Eltern und ihren Kindern. Nicht jeder Streit darf vermieden werden. Im Gegenteil, Auseinandersetzungen und unterschiedliche Sichtweisen bringen erst Bewegung und Fortgang. Das ändert sich erst, wenn Grenzen überschritten und seelische, persönliche Verletzungen auftreten.

Wir reden gern von Familie, feiern Familiengottesdienste, reden von liebevollen Beziehungen, und blenden dabei aus, dass es in vielen Fällen diese heile Welt nicht gibt. Die heile Welt wurde zerstört. Eine Beziehung kann nicht mehr fortgeführt werden, weil Grenzen überschritten wurden. Das Weinglas vor uns wird zerschlagen und zerfällt in Scherben. Freundschaften, Beziehungen, Kamaradschaften – Familien gehen zu Bruch. An den Scherben kann man sie schneiden. Wunden die bluten, eitern, schmerzen und Narben hinterlassen.

Es geht nicht nur Ehescheidungen oder zerstörte Liebesbeziehungen, sondern ich habe all die Situationen vor Augen, in denen Kontakte zu lieben Menschen abgebrochen oder eingeschlafen sind. Das ist besonders schwer, wenn es die eigenen Kinder oder Eltern sind. Das Leben hat sich verändert. Die Interessen und Möglichkeiten haben sich verschoben. Das Vertrauen ist zerronnnen. Manchmal will man das nicht und kämpft dagegen an – es passiert dennoch. Mit der Zeit heilen die Wunden, ohne dass sie vergessen werden. Narben bleiben. In vielen Fällen ist ein Neu-Beginn nicht mehr möglich, zumindest nur unter dem Schatten der vergangenen Ereignisse.

Eine solche Situation kann auch in der Beziehung zu Gott geschehen.

Gott schreit es warnend heraus: Du, mein geliebtes Volk – du meine geliebte Kirche und Gemeinde – läufst in dein Verderben. Du gehst Wege, die dir nicht gut tun. Warum willst Du das nicht einsehen und bist so bockig“Diese Sätze könnten von einer Mutter oder einem Vater stammen. Sie könnten auch von einem Ehepaar stammen. Und Gott sieht sein Verhältnis tatsächlich wie eine Ehe in guten und schlechten Tag. Er sieht uns tatsächlich wie seine eigenen Kinder an.

Doch der andere kann in dieser Situation nicht anders. Er kommt nicht über den Graben – über sich selbst hinweg. Er kann sich nicht ändern, ist selbst hilflos und ratlos. Im nach hinein sieht man sogar seine Fehler ein. Wie der Paulus: „Ich habe über dich gelästert und mich lustig gemacht. Ich habe dich nicht ernst genommen. Ich habe dich hintergangen und dir böse mitgespielt und dich tatsächlich tief verletzt. Manchmal wusste ich nicht, was ich tat.“ (1 Tim 1, 12–17)

Ja, wir sind dazu aufgerufen Versöhnung und Vergebung zu stiften – Trotzdem: Es geht nicht! Alle Bemühungen scheitern. Die Wut kann nicht einfach abgeschaltet werden.

Trennung-Abbrüche-Streit-Scheidung sind Geschehnisse, die im Raum Gottes – in der Kirche – vor Christus – ihren Platz haben. Ich finde das tröstlich, dass solche menschlichen Schwächen und Zerwürfnisse nicht zum Rauswurf und Ausschluss aus Gottes Reich führen, sondern einen Platz haben, und wir uns auch damit zu Gott hinwenden können. Selbst Zorn und Wut werden nicht ausgespart und erhalten in der Lesung Raum vor Gott. Es ist gut heute zu hören, dass selbst Gott zornig wurde. Er hat seinen Zorn wieder in den Griff gekriegt, bevor er zerstörend wirkte. Zorn, der Raum hat vor Gott.

Gott lässt sich in seiner Liebe nicht beirren. Anstatt das Trennende und unsere Verantwortung in den Vordergrund zu stellen, lässt er die Verbindung nicht abreißen. Wir sind ihm so wichtig, wie ein Goldstück. Er geht uns in die hintersten Schluchten, Ängste und Versagen nach. Er sucht nach uns. Er will uns finden und heilen. Dabei hat er eine enorme Geduld und Ausdauer. Langmut nennt Paulus das – Treue trotz allem. Mit Mose können wir ihm unsere Brüche, Trennungen und Abkehr zuschreien: „Wozu ist das alles gut? Denk an mich! Denk an deine Zusagen und Dein Versprechen mich heraus zu reißen, zu retten und hinein zu führen in ein Land, in dem alles einfach wieder gut ist.“

Die Hinwendung und Ausrichtung auf Gott hin kann Geschehenes innerweltlich nicht ungeschehen machen, aber sie ist heilsam. „Freut euch mit mir, denn ich habe wiedergefunden, was verloren war. Freut euch ihr Engel und Gewalten: Hier ist jemand, der nach Hause gekommen ist.“ (LK 15.1ff)

Ich wünsche Ihnen die heilsame Erfahrung des Gefunden-Werdens von Christus, der den Frieden wieder findet, und wirklich tröstet in den Verletzungen und Brüchen, die wir nicht vermeiden konnten.