Stephanus – der Diakon

Was macht einen Ingenieur – einen Chemiker – einen Polizisten – einen Pfarrer oder Bischof aus? Welches Bild haben Sie von diesen Personen? Wenn ich die Antworten auf diese Fragen einsammeln würde, kämen sicherlich auffallend einheitliche Vorstellungen heraus. Wir denken in Kategorien, passen Menschen in schematische Schubladen, und diese Bilder werden verstärkt durch ständige Wiederholung.

So ergeht es auch dem Diakon. Das erste, was den Meisten biblisch zu ihm einfällt und gebetsmühlenartig hervorgeholt wird, ist die Berufung der sieben Diakone -angeführt von Stephanus- :Geweiht zum Dienst an den Tischen“. Klare Arbeitsteilung: Für das Beten und Verkündigen sind die Apostel zuständig. Der Diakon für den Dienst an den Menschen. Caritas, kümmern um Bedürftige. Das Ganze mit dem Segen der Kirche. Fertig.

Natürlich gehört dies zum Diakon, es ist aber nicht alles. Der ebenfalls genannte Diakon Philippus erklärt dem äthiopischen Hofbeamten die Schrift, deutet sie auf Christus hin und spendet ihm die Taufe (Apg. 8).

Wird Stephanus etwa gesteinigt, weil er das Essen in der Gemeinde verteilt und das schmutzige Geschirr weggeräumt hat? Das 6. und 7. Kapitel der Apg. zeichnen ein ganz anderes Bild.

Stephanus – ein Mann der Tat

Stephanus ist ein Mann der Tat. Er tut und wirkt und bewirkt. Er bewirkt wunderbar Gutes. Er setzt Zeichen der Hoffnung und Liebe, der mitmenschlichen Begegnung. Er wartet nicht, bis die Leute ins Pfarrheim kommen, sondern geht zu ihnen und sucht den Kontakt.

Stephanus – ein Verkündiger des Glaubens

Die Lesung unterschlägt die Verkündigungsrede des Stephanus. Stephanus macht klar: Gott lässt sich nicht einordnen und einfassen in Tempel, Kirchen, Ordnungen und menschlichen Vorstellungen. Er ist der immer Größere, der all dies noch einmal umfasst. Er ist der, der sich als der Herr über die Geschichte aller Völker – der ganzen Menscheit – erwiesen hat. Er ist der ganz andere, der sich der Welt ausliefert, der sich von ihr immer wieder zurückweisen lässt, der von der Welt gekreuzigt wird, aber nicht von ihr vernichtet werden kann. Die vermeintlichen Verfechter des Glaubens werden zu Mördern an der Wahrheit Gottes.

Wegen seiner Verkündigung und der Treue zur Wahrheit in Christus wird er – wie Jesus selbst – vor Gericht gezerrt, angeklagt, verurteilt und gesteinigt. So wird

Stephanus- zu dem, der Jesus nachfolgt in Wort, Tat und Schicksal

Die Leiter der Gemeinde, die Theologen und die religiösen Führer, das ganze Volk wenden sich gegen ihn.

Er redet gegen den hl. Ort (Tempel) und das Gesetz“. Tempel ist zunächst sicherlich der Ort, aber auch die Institution mit den Priestern, den Regeln, Gesetzen und dem Kult. Zusammen vermitteln sie die Gegenwart Gottes. Hoher Rat, Priester und Schriftgelehrte verstehen sich als Schutzinstitution dieses Tempels, der Ordnung und des Glaubens. Stephanus wirft ihnen vor, dass sie sich dem hl. Geist und Willen Gottes widersetzen, ja diesen Willen Gottes nicht erkennen. Er bestreitet nicht, dass es eine Ordnung, eine Leitung, geben muss. Doch wehe, wenn diese Ordnung nur ihrer selbst willen da ist und sich selbst bewahren will. Trägt da jemand „Mose und das Gesetz“ vor sich her als Schild um sich selbst zu bewahren? Oder folgt jemand dem neuen Mose, dem Jesus Christus, weil er mit ihm und hinter ihm den guten Willen Gottes sucht und erkennt?  Für Stephanus ist es diese Bindung an Gott durch Jesus Christus im hl. Geist, auf die es ankommt.

Doch Stephanus zeigt im Rückblick auf die Geschichte Israels einen Gott,

  • der aus der Enge, der Bedrängnis, dem Joch, dem Alten hinausführt in die Weite und das Freie – in ein neues Land. Wo finden wir bei uns den Gott, der uns ins Weite führt und eben nicht in der Enge verharren lässt? Finden wir den Mut den Aufbruch ins Neue zu wagen?
  • Stephanus zeigt einen Gott, der sich auf vielfältige Weise und an unterschiedlichen Orten – auch in der Fremde zeigt. Nehmen wir wahr, dass sich Gott auch heute zeigt an Stellen und Orten, wo tradionell Kirche ihn nicht vermutet. An fremden Orten und in unbekannten Formen.
  • Ein Gott, der immer wieder unterschiedlichste Menschen beruft, mit Gnade und Weisheit ausstattet – unabhängig von ihrem Rang oder ihrer Stellung. Ja, geradezu entgegen ihrer nach außen erkennbaren Stellung. Nehmen wir – nimmt Kirche – solche Berufungen heute wahr und ernst? Trauen sich heute Menschen auf diese Berufung durch Gott zu antworten? Oder sind das dann alles gleich Selbst- und Eigenberufler, die abgewiesen werden?

Stephanus – voll Geist, voll Gnade und Weisheit

ein geistlicher Mensch. Ein Mann des Gebets. Tief erfüllt und verbunden mit Christus im hl. Geist. Er erlebt, fühlt und sieht die Zuwendung und Gegenwart Gottes. Er sieht die Herrlichkeit Gottes – nicht als abstrakte Vorstellung, sondern als reales Geschehen. Er erfährt die Gegenwart des All-Gewaltigen. Er erkennt Jesus, als die richtende, rettende Macht an der Seite Gottes mitten im Schmerz und durch den Tod hindurch. Stephanus übergibt sich ganz diesem Jesus, dem Gesalbten Gottes, der da kommt im Namen des Herrn. Dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden.

Vielleicht ist es ein Fehler, vorrangig in Kategorien und Rollen und Funktionen zu verharren. Dann laufen wir nämlich Gefahr, wie der Hohe Rat, jeden vermeintlichen Angriff abwehren zu wollen. Obwohl es gar kein Angriff ist, sondern womöglich das Wirken des hl. Geistes.

Wenn ich dargestellt habe, was alles zu Stephanus gehört, heißt das nicht, dass die Apostel das nicht hätten. Die Delegation des diakonischen, caritativen Handelns an die Diakone befreit die Apostel nicht von ihrer Verantwortung und Verpflichtung in diesem Bereich.

Der Auftrag, ein geistlicher Mensch zu werden und Gottes Herrlichkeit zu ersehnen und zu erkennen, ist doch nicht den geweihten Geistlichen vorbehalten, sondern allen Getauften zur Lebensaufgabe gegeben.

Wir können in den Vordergrund stellen, dass wir Dr. der Physik sind, dass wir polizeiliche Gewalt ausüben, dass wir Richter und Ärzte – oder eben Maurer , Elektriker, Installateure, Winzer oder Arbeitsunfähige sind. Das führt zur Ent-Solidarisierung einer Gesellschaft, zu Verzerrungen, an denen nachher alle zu leiden haben.

Natürlich kann ein Pfarrer Sockel mauern und ein Gesims streichen – Er wird dadurch noch nicht zum Handwerker, obwohl er handwerklich arbeitet.

Ein Winzer wird nicht zum Chemiker, weil er Spritzbrühe anmischt, obwohl hier eine ganze Latte chemischer Prozesse in Gang setzt.

Ein Diakon kann vielschichtig tätig sein – er ist deshalb noch lange kein Pfarrer.

Es gibt nicht immer die klare Abgrenzung, sondern Überschneidungen und ein Durchmischen. Ein In-Einander-Übergehen und Miteinander-Aufeinander angewiesen sein.

Wir können die Geschichte um Stephanus vorrangig als eine Geschichte der Rollenverteilungen lesen. Wir können aber auch sehen, dass „die ganze Schar der Jünger“ zusammen gerufen wurde. Dass es um die Ganzheit der Gemeinde geht. Der gesamten Gemeinschaft – der ganzen Kirche – jedem Getauften, jedem Mann und jeder Frau ist es aufgetragen, mehr Stephanus zu werden:

  • eine Frau / Mann des Dienens an der Gemeinschaft, an den Tischen, den Bedürftigen, an der Not der Zeit.
  • eine Frau / Mann des Gebetes
  • eine Frau / Mann strebend nach der gnadenhaften Zuwendung Gottes. Sich sehnend und bittend nach seinem Geist und seiner Weisheit und seiner Wahrheit.
  • eine Frau / Mann, die den Glauben an Christus unerschrocken verkünden
  • eine Frau / Mann, die bereit sind Jesus in Tat, in Wort, im Leben und Sterben nachzufolgen.