Christlicher Glaube macht Politik, aber anders.

In den hitzigen Streitfragen unserer Tage neigen die Menschen zur Überhitzung, zur Hysterie, zur ideologischen Zuspitzung und zur Bekämpfung der jeweilig Andersdenkenden leider auch über die Wortgefechte hinaus. Es brennen Autos, es werden harmlose Menschen als Extremisten gebrandmarkt – und das auf allen Seiten.

Alle wollen „das Gute“. Erstaunlich, dass in dieser Erregung der Auseinandersetzung dabei aber „das Schlechte“/“das Böse“ geschieht:

Da gibt es eine Menge Menschen, die mit dem Blick auf die historischen totalitären Systeme auf deutschem Boden alle auch nur hauchdünnen Anfangsmerkmale von möglichem Totalitarismus mit solcher Vehemenz verhindern/verbieten wollen, dass sie gar nicht realisieren, dass sie selbst zu totalitären Methoden greifen und damit selbst das herstellen, was sie doch eigentlich bekämpfen.

Ein Paradoxon.

Niemand – auf beiden Seiten – würde für sich gelten lassen, unmenschlich sein zu wollen. Ganz im Gegenteil. Und doch kommt es in der Auseinandersetzung zu mannigfaltigen Unmenschlichkeiten – im Namen des Guten und der Menschlichkeit. Oft werden auch christliche Begriffe wie „Nächstenliebe“ und „christlich“ faktisch als Kampfbegriffe dabei verwendet, was sie ja niemals sein können.

Wie können wir Christgläubige hier eine gute Position finden? Wie können wir aus diesen Fallen der Ideologisierung herauskommen?

Eine gute Handreichung könnten wir im Verhalten Jesu Christi finden, der ja selbst in solchen Situationen allzu oft stand. Auch in seiner Nachfolgerschaft fanden sich politische Eiferer, wie z.B. Judas Ischariot, ein Zelot (eine jüdische kämpferische Sekte), der letztlich auch durch seinen Verrat an Jesus, diesen eigentlich dazu zwingen wollte, endlich das Davidreich neu zu errichten und die römische Besatzungsmacht zu vertreiben. Wie wir wissen, ging das nach hinten los.

Jesus weist auch Petrus an, das Schwert wieder einzustecken, was doch letztlich Jesu Leben schützen sollte.

Jesus nimmt zu seiner Sicht politischer Aktivität im Gespräch mit Pontius Pilatus Stellung: „Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, würden meine Truppen für mich kämpfen.“

Dass das Wirken Jesu allerdings durchaus eine wesentliche politische Dimension hatte und hat, wird wohl niemand ersthaft bestreiten wollen.

Wie können wir diese scheinbaren Widersprüche verstehen oder auflösen?

Nun, vielleicht ist es ganz einfach:

Die weltliche Politik versteht sich so, dass sie Maßstäbe und Regularien aufstellen muss, um Gruppen und Völker zu organisieren. Dabei sagen die Mächtigen den anderen, was sie tun und lassen sollen.

Im Gegensatz dazu befragt die Liebe Gottes unser Herz ganz individuell und persönlich.

Es geht dabei offenbar weniger darum, ob wir zu richtigen Partei gehört haben oder für glühende Reden mehr Applaus bekommen haben, ob wir letztlich mehr Menschenleben „gerettet“ haben oder ähnliches, denn auch die Zwangstaufen der alten Kirche z.B. in Südamerika waren wohl weniger von der Freiheit des Heiligen Geistes getragen, sondern eher vom Eifer der Eroberer und Zwangstäufer. Dennoch wollten sie sicher durch die Taufe „Seelen retten“. Auch Hexenverbrenner wollten das Böse ausmerzen. Und so könnten wir noch viele Beispiele nennen.

Gott will unsere persönliche Umkehr, unsere konkrete Nächstenliebe. Jesus hat sich weder an Partei-Schriftenständen, an öffentlichen politischen Diskussionsrunden und schon gar nicht als Steinewerfer oder im Wasserwerfer gezeigt. Seine Appelle richteten sich nicht an ganze Gruppen in ideologisierender Weise, sondern in allgemeiner Weise, aber immer an das einzelne Herz individuell gewandt.

Jeder soll sein eigenes Gewissen sorgsam prüfen, ob er wirklich ein Abbild der Liebe Gottes in dieser Welt wird, oder wo es noch Abweichungen und Widersprüche gibt.

Es kann also für Christen nicht angehen, irgendwelche politischen Gruppen zu verteufeln, oder gar in physischer Weise zu bekämpfen. Vielmehr findet dieser „Dschihad“ („Heiliger Krieg“, islamischer Begriff) innen statt:

Wie Ihr behandelt werden wollt, so behandelt auch alle anderen. Alle.