Die Macht der Angst – und die Freiheit des Glaubens

  •  In der Apostelgeschichte wird berichtet, dass Jünger Jesus sich nach dessen Tod aus Furcht und Angst eingeschlossen hatten. Angst die das Gefühl der existentiellen Bedrohung. Sie entsteht aus Bildern und Gedanken, in denen einem ganz Furchtbares, Schreckliches und Schmerzhaftes widerfährt. Man verliert den Boden unter den Füßen und alles, wofür man bisher gelebt hat, was einem wichtig war und wen man geliebt hat, verliert sich. So geht es den Jüngern. Sie haben gerade ihre Mitte, ihr Zentrum und den Grund all ihrer Hoffnung verloren. Sie haben vor Augen, was mit ihnen selbst geschehen kann. Sie trauen niemandem mehr, sie fürchten verraten zu werden. Sie stellen sich vor, wie es ist selbst gegeißelt zu werden. Tagelang nackt an einem Kreuz zu hängen, bis der letzte Atemzug aus einem gewischen ist. Elendig erstickt. Die Angst lähmt, macht misstrauisch. Türen werden verschlossen, man begibt sich in Isolation.Die Macht der Angst ist ungeheuer groß. Wer Angst verbreiten kann, hat die Macht und kann Menschen lenken und bestimmen. Die Bilder, die im Kopf entstehen oder die dort festgesetzt werden, sind manchmal schlimmer als die Realität. Sie steigern die reale Gefahr und beginnen die Realität zu verändern. Angst kann gezielt multipliziert werden durch Bilder, ständige Wiederholung und Steigerung.
  • In den letzten Wochen begegnete mir immer wieder und immer mehr diese Angst. Sie nahm teilweise hysterische und irrationale Züge an. Da ist z.B. das viel besagte Klopapier. Obwohl eigentlich keinerlei Engpässe weder in Produktion noch Lieferkette bestehen, erzeugt das Horten und Hamstern erst einen zuvor nicht dagewesenen Mangel. Die Angst, man käme beim Wasser zu knapp, treibt Menschen an 20 Kisten Sprudel einzuladen. Mit der Folge, dass der Markt mit Lautsprecherdurchsagen bettelt, man möge doch bitte leere Flaschen wieder zurück geben. Durch dieses Angst-Verhalten ist ein Engpass bei den Flaschen entstanden.
  • Voller Entsetzen erzählte eine Arbeitskollegin, dass es in Worms jetzt auch schon 2 Corona-Tote gegeben habe. Ich musste daran denken, was ich zuvor in der Zeitung gelesen habe: Eine 28jährige Frau ist an einem schnell wachsenden Hirntumor gestorben und hinterlässt 2 Kinder. Eine 36jährige Mutter tötet ihre 2 Töchter. Ein Kind stirbt an Influenza. Diese Fälle nimmt man nicht wahr. Die zwei Coronatoten aber signalisieren: Das Todesvirus hat Worms erreicht – bald sind wir dran und keiner entgeht ihm.
  • Sind dies nur witzige Ausformungen der Angst, so sind andere Ängste dramatischer: Haben wir vor lauter Angst nicht die Menschen in den Pflege- und Altenheimen allein gelassen?
  • Es wird gesagt: Die Alten (dazu zählen nach heutigem Sprachgebrauch schon alle ab 60Jahre) müssen besonders geschützt werden, weil sie besonders gefährdet sind. Sie müssen zu Hause bleiben, dürfen nicht raus – die Freunde bleiben aus – die Kinder kommen nicht mehr – die Enkel fehlen. Einsamkeit, Verlassenheit, das Gefühl nicht gewollt und gebraucht zu werden macht sich breit. Und dann kommt die Steigerung: Wehe, wenn so ein Alter doch raus geht, und nicht geschützt werden will. Was dann?
    Sollte man ihn nicht etwa gegen seinen Willen beschützen? Dann wird aus dem zu Schützenden eine Bedrohung. Die Alten werden in der Wahrnehmung so manch anderer zur Bedrohung für die Gesellschaft. Ich habe das selbst erlebt und musste alten Menschen sagen: „Nein, Sie sind keine Bedrohung für ihre Kinder und Eltern. Sie sind nicht schuld. Sie sind keine Virenschleuder, allein weil sie 70 Jahre alt sind oder weil sie Asthma haben.“
  • Das gleiche gilt für Kinder. Weil Kinder möglicherweise schneller unerkannt zu Trägern des Virus werden, wurden Eltern in einem Markt angegiftet, sie sollen doch gefälligst das Kind nicht frei rum laufen lassen – und sowieso, Kinder lässt man in diesen Zeiten zu Hause in ihrem Zimmer. Aus Angst werden Kinder als Bedrohung eingestuft!  Aus Angst, die Kinder könnten erkranken, klagen Eltern darauf, dass ihr Kind nicht zu Schule gehen muss. Ich habe dazu im Internet eine geradezu perfide Anleitung zum Angst-Machen gefunden, damit die Leute „einsichtig“ werden: „Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen…“ solle folgende Vorstellung verbreitet werden: „Kinder werden sich leicht anstecken, z.B. bei den Nachbarskindern. Wenn sie dann ihre Eltern anstecken, und einer davon qualvoll zu Hause stirbt und sie das Gefühl haben, Schuld daran zu sein, weil sie z.B. vergessen haben, sich nach dem Spielen die Hände zu waschen, ist es das Schrecklichste, was ein Kind je erleben kann.“So kann Angst verschärft und multipliziert werden, ohne dass ich abstreiten will, dass es tatsächlich eine große Gefahr gibt.Die Macht der Angst lässt alles andere zu. In Polen ist Wirklichkeit, was bei uns diskutiert wurde: Die digitale Handy-Fußfessel. Zunächst sind es die Infizierten. Mehrfach am Tag erhalten sie einen Anruf. Sie müssen ein Selfi mit Uhrzeit machen und an den Anrufenden schicken. Die Identität wird anhand gespeicherter Bilder überprüft. Mittels Handyüberwachung wird der Standort kontrolliert. Bestehen Zweifel, erscheint die Polizei. Über eine solche Kontrollfülle haben weder die StaSi noch die Nazi`s verfügt. Die Angst lähmt nicht nur, sie sperrt uns ein und beraubt uns jeder Freiheit, ohne dass irgendein Zwang ausgeübt werden müsste.

    Auf der anderen Seite gibt tatsächlich den Zwang Lösungen zu finden, unter denen das soziale und wirtschaftliche Leben wieder in Gang kommt bei gleichzeitiger Vermeidung einer rasanten Infektions- und Krankheitswelle.

  • Bei alledem muss ich sagen: Ich weiß es nicht besser. Was ist die Alternative? Welche Folgen hätte ein anderes Szenario?  Ich bin froh, dass ich nicht an entscheidungserheblicher Stelle sitze und sagen muss, was jetzt konkret zu tun ist. Ich bin dankbar für die Leute, die diese Last tragen – auch für mich. Glücklicherweise beginnt langsam wieder Hoffnung und Zuversicht Einzug zu halten. Langsam reift die Erkenntnis, dass wir wieder Wege in die Normalität finden müssen. Gerichte heben allzu enge Regelungen auf.
  • Kommen wir zurück auf die Jünger und ihre Erfahrung mit Karfreitag und der Botschaft der Auferstehung: Was uns dort gesagt und zugesagt ist, kann helfen, unser Heute besser zu gewichten.Wir bleiben die von Krankheit, Tod, Einsamkeit und Schmerz Bedrohten in dieser Welt. Da ist das Corona-Virus nicht die einzige Seuche. Wo diese Welt das einzige ist, auf das man sich einlässt und das einem gegeben ist, da wächst sehr häufig die Angst um uns selbst. Mit ihr die scheinbar „alternativlosen“ Zwänge zur Ausgrenzung, zum Kampf um die eigene Sicherheit und die letzte Rolle Klopapier.Im Evangelium durchbricht Jesus die Mauern der Angst. Er geht durch die verschlossene Tür der Isolation und tritt mitten in die Situation ein. Und er bringt gegen die Macht der Angst die Zusage: Friede sei mit euch. Mitten in die Angst stellt er den Frieden. Er kennt diese Angst nur zu gut, die er selbst im Garten Getsemane durchlitten hat. Er trägt die Spuren und Wunden und Schmerzen an seinem Körper. Er fordert uns auf, dass wir unsere Ängste, Schmerzen und Verlassenheit in seine Wunden legen, wie Thomas seine Hand in die offene Seite legt, die vom Lanzenstich durchbohrt wurde.Durch deine Wunden sind wir geheilt – heißt es: In der Auferstehung hat er unsere Not schon heute überwunden und sagt uns zu, dass er uns mitnimmt in seine Auferstehung, in seinen Sieg über Tod und Leid.

    Das ist schier unglaublich – und doch wahr. Diese Wahrheit des Glaubens macht frei. Sie befreit uns vor der Angst um uns selbst, vor der Angst in diesem Leben zu kurz zu kommen, weil es das einzige ist, das wir haben. Sie befreit uns vor der Angst, die Alten allein zu lassen, um das eigene Leben zu retten.

    Die Wahrheit des Glaubens entledigt uns umgekehrt nicht der Verpflichtung eines vernünftigen, sorgsamen Umgangs und der Suche nach Mitteln und Wegen Schaden, Leid und Unheil abzuwenden. Sie sagt uns aber eine Wahrheit über die Todesangst hinaus zu.

    Petrus fasst ins Wort, was im hl. Geist uns in die Tiefe der Seele eingegeben ist: „Wir haben eine lebendige Hoffnung auf eine unzerstörbare, makellose und unvergängliche Zukunft. Gottes Macht behütet uns. Unser Glaube ist wertvoller als Gold. Wir werden jubeln in unsagbarer, verklärter Freude. Unser Glaube führt uns zu einem Ziel: das vollkommene Heil“.

    Der Macht der Angst – steht die Freiheit des Glaubens entgegen, und verpflichtet uns gleichzeitig zu einem verantwortungsvollen Handeln.