Geliebt Abhängen

Aktuell erleben wir eine massive Erosion unserer sozialen Kultur. Das geht allerdings schon eine ganze Weile so, vermutlich wurde es deutlicher ab und mit der Studentenbewegung ab ca. 1968.

Was ist geschehen?

Durch den erfolgreichen fleißigen Wiederaufbau und die gefühlte „Enge“ des sozialen Lebens, welches dann abgelöst wurde von einem steilen Anstieg des materiellen Wohlstandes – und der dadurch empfundenen „neuen Freiheit“, „sexueller Freiheit“, Bauboom, motorisierte Mobilität, Ausbau der Telekommunikation, Reisen, Urlaubskultur, Gastarbeiter und noch vieles mehr – entfernte sich aus unserer Kultur der Gottesgedanke. Übrigens nicht nur aus unserer Kultur, sondern eigentlich weltweit – bezogen auf die christliche Kultur.

Es wurde der Kirche damals nachgesagt, sie kultiviere Enge und moralische Restriktion indem sie den Menschen Schuldgefühle und Unfreiheit, Demut und Unterordnung einrede – und sie damit zu Unrecht narzißtisch kränke, denn „der Mensch sei das höchste Wesen“.

Mangelhafte Katechese und gekränkte Versteinerung prägte leider dann die Reaktion vieler Geistlicher auf diese Entwicklungen – wobei mangelhafte Katechese wohl auch schon zur Entstehung dieser Dinge beigetragen haben dürfte.

Nun haben wir uns als westliche Gesellschaften endlich erfolgreich von diesen „rückständigen religiösen Geisteshaltungen“ befreit und leben „grenzenlos“.

„Grenzenlos“, „crossover“, „Wir machen den Weg frei“ und andere Begriffe prägten übrigens – vielleicht haben Sie es noch im Ohr – viele Kulturprojekte, vor allem „kulturübergreifende“ (bei solchen Gelegenheiten war übrigens von unserer historisch gewachsenen Kultur jeweils nicht so viel im Angebot).

Jegliche Erkenntnis ist das Ergebnis menschlicher Interpretation von Welt.

Diese Wahrheit bezieht sich selbstverständlich auch auf Glaubenserkenntnisse und Glaubensaussagen. (Gott „spricht“ eben indirekt). Glaube (ganz allgemein) bedeutet die Interpretation der Welt dahingehend, dass vieles oder alles daraufhin deute, dass es ein Übergeordnetes geben müsste, auf welches alles zurückzuführen sei, welches den Dingen die Entstehung, den Bestand und die Lebensweise gäbe – und dem gegenüber wir zu Verantwortung und Rechenschaft verpflichtet seien bezüglich unserer Entscheidungen, Handlungsweisen und Denkausrichtungen. Ja, diese Verantwortlichkeit kann auch dazu führen, dass wir erkennen, was wir der Welt oder auch anderen Menschen antun und damit durchaus auch – zu Schuldgefühlen.

Was passiert, wenn genau diese Interpretation erodiert und keine Begrenztheit, keine Verantwortlichkeit, keine Rechenschaftspflicht mehr empfunden wird, erleben wir in diesen Tagen auf dem gesamten Erdball: die Entgrenzung.

Das bedeutet allerdings auch die allgemeine Undifferenziertheit, den Verlust der Sorgfalt, der Liebe in ihrer Tiefe, der Anerkennung des Andersseins (als ebenso Gewolltes), die Orientierungslosigkeit und das Taumeln zwischen radikalisierten Denkhaltungen (die dann quasi als Religionsersatz inneren Halt hergeben sollen).

Ohne einen grundlegenden Gottesgedanken erodiert daher Moral und Gesellschaftsordnung, insgesamt erodiert der Regelkonsens, welcher allerdings für eine friedvolle Gesellschaft unabdingbar ist.

Uns erwartet bei einer weitergehenden Entwicklung in diese Richtung nichts anderes als die gesamtgesellschaftliche „Hölle“.

Dieser Begriff ist durchaus nicht so ohne, allerdings in seiner Kernbedeutung hier verwendbar: Ein Ort des Unheils und des Leides.

Ohne die Rückkehr zu einem allgemeinen Regelkonsens wird es keine friedvolle Gesellschaft mehr geben. Und dieser Regelkonsens braucht mehr als eine „funktionierende Justiz mit guten (?) Gesetzen“ – er braucht die Akzeptanz des Herzens: das innere vollständige „Ja“ der übergroßen Mehrheit dieser Gesellschaft zu einer grundlegenden Moral und der gegenseitigen Verantwortlichkeit. Was dann bereits den Gottesgedanken impliziert.

Ergo können wir wirklich nur „gute Frucht“ bringen, wenn wir uns in der Handlungsnachfolge und moralischen Abhängigkeit des „letztlich Guten“ verstehen wollen. Und dazu sind wir genötigt, immer wieder über das „letztlich Gute“ nachzudenken und unser Handeln zu hinterfragen. Das ist etwas anstrengend, allerdings hat es den Vorteil, dass es eine gute Orientierung abgibt und man sich „im Guten geborgen“ fühlen darf.

Etwas locker ausgedrückt etwa: „Geliebt Abhängen“.