Urlaub auf dem Friedhof – Das Beste was uns passieren konnte -Teil 1-

Da hatten wir unwahrscheinliches Glück. Gerade in der Woche vor dem 2. Lockdown gönnten wir uns ein paar Tage in einem kleinen Eifel-Dörfchen, weit ab von aller Betriebsamkeit. Wir hatten eine Ferienwohnung gebucht in einem kleinen schmucken und geräumigen Haus. Das Örtchen hatte einen Bäcker, einen Metzger, ein Restaurant (nur am Wochenende geöffnet), einen Kindergarten und Grundschule für ca. 1.300 Einwohner. Es war ländlich geprägt und hatte sich umgestellt auf Touristen. Die Wohnung im Dachgeschoss war groß, einladend, hell, gut eingerichtet und hatte eine kleine Terasse. Wir fühlten uns sofort wohl. Ich ging auf den Balkon und schaute direkt auf den Friedhof, der an das Grundstück angegrenzte, und war erst mal irritiert. Ich blickte mich um und sah rechts / links eine ganze Reihe Häuser stehen – alle mit demselben Blick. Ein Mann, etwas älter als ich stand ebenfalls auf seiner Terasse im Nachbarhaus, rauchte eine Zigarette und sah in genau dieselbe Richtung.

Ein Leben lang hier wohnen mit Blick auf den Friedhof? Ein Leben lang den Tod vor Augen? Den Leuten hier schien das nichts auszumachen. Eigentlich eine realistische Sicht, eine mahnende Sicht in vielfacher Weise:

„Nimm dich und die Geschehnisse um dich nicht zu ernst. – Da vor mir kommen wir alle hin“. „Freue dich am Leben“ „Der Tod gehört auch zu Deinem Leben“.

Ich sah Leute, die auf den Friedhof kamen. Junge und Alte. Einige waren in Eile: Schnell noch gießen, den Boden hacken, eine Blume einpflanzen. Manche besuchten – schlendernd und ruhig – irgendein Grab. Eine junge Frau mit Fahrrad und Sportdress rauschte an, eilte zum Grab. Sie alle blieben für eine Zeiteinheit stehen. Ihre Gedanken waren bei den Freunden, Verwandten. Was dachten oder sagten sie sich? Die Toten waren eben nicht vergessen. Der Tod hatte das Band nicht ganz durchschnitten. Tote und Lebende waren im Schatten der Kirche weiterhin zusammen.

Der Mann und ich schauten aber nicht nur auf den Friedhof, sondern unmittelbar hinter dem Friedhof ragte eine Kirche auf, mit Tuffstein gemauert, massiv und fest. Die Kirche, die hinter dem Friedhof liegt. Der Blick, der über den Tod hinaus geht. So etwas gibt es kaum noch: Die Kirche rief mit ihren Glocken sich jede Stunde und mit einzelnen Schlägen jede Viertelstunde in Erinnerung. Sie verkündete alle 15 min. ihren Sieg über den Tod. Ob der Mann auf der Nachbarterasse das auch so sah?

Von unserem Haus aus führte der Weg zur Kirche…über den Friedhof. Diesen Weg ging ich fortan jeden Tag mindestens zwei- manchmal dreimal. Er wurde rege genutzt auch von Müttern, die ihre Kinder zum Kindergarten brachten, oder Leute mit Einkaufskorb, weil der Bäcker auf diesem Weg am schnellsten zu erreichen war.

Ach ja, neben der Kirche stand ein großer Neubau in rosa angestrichen. Sein Garten ragte schon etwas auf das Friedhofsgelände hinein. Ein neues Haus – groß und schön, bunt und prächtig. Das Leben, das hier hinein ragt – mitten in den Tod hinein, direkt im Schatten der Kirche. Es schien niemanden zu stören. So ist das nun mal mit dem Leben.