Advent 2020 – Fastenzeit à la Corona

Verzicht. Einschränkung. Besinnlichkeit. Achten auf andere und sich selbst. Bewusster leben. Beten. Die eigene Vergänglichkeit bedenken. . . .

Diese – nicht ganz vollständige – Liste bezeichnet das Wesen und den Sinn einer Fastenzeit.

Fasten ist in der spirituellen Menschheitsgeschichte ein sehr altes Tun. Meist verbunden mit intensivem Gebetsleben. Es bringt uns Entschleunigung, Entgiftung und Erlebnis- , ja vielleicht auch Erkenntnisintensität.

In der Ruhe die Kraft finden. In der Entbehrung die Dankbarkeit und den Genuss finden.

In der Regel werden Fastenzeiten in den großen Religionen zu speziellen Terminen festgelegt und die Verhaltensregeln definiert. In den christlichen Kirchen wird das jeweils ein wenig anders vorgeschlagen, aber die Gemeinsamkeit liegt in der traditionellen Idee, sich auf ein großes spirituelles Ereignis vorzubereiten. So ist es vor allem in der Fastenzeit vor Ostern, aber auch – früher war es in der katholischen Kirche ebenfalls eine Fastenzeit – im Advent, der Vorbereitung auf Weihnachten, der Menschwerdung Gottes. Die liturgische Farbe im Advent ist daher immer noch – wie auch in der vorösterlichen Fastenzeit – violett.

Fasten und Beten: Vorbereitung auf spirituelle Großereignisse. Auch eine Methode tätiger gläubiger Buße: Eine Zeit der Umkehr und der Abkehr von schädlichen Verhaltensweisen.

Aktuell befinden wir uns im Advent, einer – immer noch quasi – Fastenzeit. Die katholische Kirche sieht heutzutage kein spezielles Fastenverhalten vor, empfiehlt allerdings durchaus ein entsprechendes Verhalten zur bewussten Vorbereitung auf das Weihnachtsereignis.

Auch wenn alle weltlichen Genüsse bereits schon lange vor der Weihnachtszeit und zuweilen sogar schon lange vor der Adventszeit überall zu haben sind, und auch gekauft und verzehrt werden, muss das nicht heißen, dass alles so oberflächlich weiterverlaufen muss:

Im diesjährigen Advent ist alles anders.

In diesem Advent des Kirchenjahres 2020/21 gibt es quasi eine staatlich verordnete Fastenzeit:

Eine sehr differenziert beschriebene Verhaltensanordnung des Verzichts und der Entbehrung. OK, die Gebetsempfehlung ist nicht dabei, stimmt. Aber sonst im Grunde alles:

Verzicht. Einschränkung. Besinnlichkeit. Achten auf andere und sich selbst. Bewusster leben. Die eigene Vergänglichkeit bedenken. . . .

Es gibt keine Restaurantbesuche, kaum Reisen, Wartezeiten vor Geschäften, keine Tanzveranstaltungen, kaum Dating, kein Feuerwerk, Rücksichtsauflagen wie Maskenpflicht und Abstandsgebot, Reinigungsrituale, bewusste Vorbereitung und Organisation sozialer Begegnungen (Anzahl, Ort etc.), Selbstbeobachtung (der eigenen Symptomlage), die Überlegung, wie es uns evtl. auf einer Corona-Isolationsstation ginge etc.

Man staunt. Was hat das zu bedeuten? Die Menschen machen mehr oder weniger klaglos mit. Manche bewusster, nachdenklicher – andere murrend oder ärgerlich, wieder andere verweigern sich. Es wäre denkbar, dass die Nachdenklicheren durchaus „Fastenzeit-Effekte“ erleben, etwa: „Die Entschleunigung tut gut, ich brauche nicht so viel, um zufrieden zu sein, ich bin dankbar für mein Leben, für meine Lieben und für unsere relative Gesundheit.“ Vielleicht finden manche auch durch diese Zeiten oder spezielle Begebenheiten, die aktuell passieren auch wieder zum Gebet.

Und die spannendste Frage kommt jetzt:

Ist es am Ende eine echte Vorbereitungszeit auf etwas ganz Großes?

– Ja, klar: Weihnachten.

– Nee, ich meine das Kommen des Herrn, also

WEIHNACHTEN! . . . . ?