Urlaub auf dem Friedhof – Teil 2

Eine Kirche, die offen ist –

eine Kirche, in der Tod, Schmerz und Leben Platz hat

Die ist größer als man erwarten könnte, bei so einem kleinen Ort. Sie ist vor allem… den ganzen Tag von 09:00 bis 18:ooh geöffnet. Man kann den ganzen Tag in die Kirche gehen.

Da war ich denn auch ausgiebig, zweimal für je ca. 45min. Ich habe gebetet, gesungen, gelesen, nachgedacht und war einfach da. Meinen Rhythmus hatte ich geändert. Weil die Kirche erst um 09.00h öffnete, wurde erst gefrühstückt. Das Abendgebet musste vorgezogen werden, weil ab 16:45h es so dunkel in der Kirche war, dass man nicht mehr lesen konnte.

Von hinten betrachtet sah man eine Achse: Ein großes Kreuz über dem Eingang zum Chorraum, dahinter der Altar, dahinter der Tabernakel in einfacher kleiner Form, und dahinter gab es in Apsis noch einen Raum mit einer großen Jesus-Figur – Herz Jesu-Figur.

Der Weg zum Altar führte unter dem Kreuz durch. Altar und Tabernakel sind Stationen auf dem Weg zu Christus, der – noch weit entfernt, doch klar zu erkennen – mit geöffnetem Herz und segnender Hand auf mich wartet.

Vorne gleich links neben dem Eingang eine kleine Kapellennische. Auf der einen Seite der Wand: eine Pieta. Ihr gegenüber in Medaillonform Kopf und Gesicht Christi mit Dornenkrone. Um dieses Gesicht waren viele kleine Kreuze angeordnet, die alle zusammen ein großes Kreuz bildeten und das Gesicht Christi in ihrer Mitte einschloss. Ich schaute mir die kleinen Kreuze an. Es waren Erinnerungskreuze der Gefallenen des 2. Weltkrieges. Der Name, Geburtstag, Sterbetag und Ort. Die meisten gefallen in Russland, auch Afrika, Rumänien, Berlin. Ich begann zu zählen: 154 Kreuze alle gefallen zwischen 1939 und 1945. Ich bin erschrocken. 154 tote, junge Menschen in einem Dorf, das heute 1.300 Einwohner hat, damals eher weniger! Was haben die Menschen hier geweint, erlitten und Verluste hingenommen? Und sie haben ihre Toten vor Christus gebracht, um ihn herum samt ihrer Trauer und ihrem Schmerz. – Die Kirche blieb bis heute offen; für sie da –

Die Fenster der Kirche sind in einem wohltuenden, ruhigen Gelb gehalten. Biblische Szenen, einzelne Heilige, sogar der gute St. Wendelin. Wer hätte den hier vermutet. Darunter die Namen der Stifter: Gesangverein, Bauernverein, Heimatverein, einzelne Personen … und die Kriegerwitwen. Die Kriegerwitwen haben ein Fenster zu dieser Kirche gestiftet. Durch das Fenster fällt Licht in den Kirchenraum. Hier haben die Leute ihren Schmerz, ihre Hochzeiten und ihre Taufen gebracht. Hier hinein fällt das Licht.

Und wir heute: Eine Kultur der Angst und Verängstigung. Die Kirche zieht sich zurück und schließt die Türen. Es werden Empfehlungen ausgesprochen, Alte mögen doch zu Hause bleiben… Was und wie sind wir heute im Vergleich zu diesen starken Menschen in dem kleinen Ort. Wie sehen wir heute auf die Friedhöfe, das Leben, den Tod, die Hoffnung hinter dem Kreuz unter dem wir durchgehen?

Man konnte eine schöne Kerze kaufen 5€:

Nicht alles ist abgesagt:

Sonne ist nicht abgesagt

Lachen ist nicht abgesagt

Frühling ist nicht abgesagt

Träume sind nicht abgesagt

Hoffnung ist nicht abgesagt

Hilfsbereitschaft ist nicht abgesagt

und auch Beten nicht…