Urlaub auf dem Friedhof – Teil 3-

Auf dem Friedhof – zwischen den Grabsteinen

An einem Abend war ich zu spät. Es war schon zu dunkel in der Kirche. Außen aber noch hell genug. Auf dem Friedhof stand eine Bank. Ich setzte mich. Ich saß mitten zwischen all den Grabsteinen. Es war so, als gehörte ich bereits dazu. Als wäre da bereits ein Platz für mich. Es machte mir nichts aus. Ich hatte keine Angst. Es war am Fest der Apostel Simon und Judas. Im Brevier steht: „Über das Lebensende beider Apostel ist nichts bekannt.“ Die Menschen hier kenne ich auch nicht. In einigen Jahren, vielleicht Jahrzehnten ist von Ihnen nichts mehr bekannt. Über mich wird nichts mehr bekannt sein. Irgendwie ist das gar nicht schlimm.

Die Lesung ist aus dem Eph.                                                                                                                  Ihr seid nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“

Ja; ihr da um mich herum: Hausgenossen Gottes; Mitbürger aller, die von Christus her geheiligt, gereinigt, gewaschen, geklärt und verherrlicht seid. In der Gemeinschaft mit den Simon und Judas, von denen man halt nichts mehr weiß.

„Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; Der Schlussstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammen gehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn. Durch ihn werdet auch ihr im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut“

Die Kirche und der Friedhof. Der Schlussstein Jesus Christus hält alles zusammen. Zusammengefügt und zusammen gehalten zu einem großen heiligen Tempel. Zu einer Wohnung Gottes werden. Gott wohnt mitten drin – noch im Tod und auf dem Friedhof.

Die Grabsteine

Man weiß nichts mehr von ihrem Lebensende. Doch die Grabsteine erzählen doch sehr viel. Sie erzählen vor allem von der Sicht der Hinterbliebenen und der Sicht der Verstorbenen, unterstellt, dass die Lebenden etwas ausdrücken wollen von dem, was der Verstorbene war und bedeutete.

Da ist das größte Grabmahl; ein kleines Monument; ein Doppelgrab und in der Mitte über 1,40m groß der auferstandene Christus. Er erhebt sich über das Grab, scheint zu schweben und aus dem Grab heraus zu kommen, Strahlen umrahmen ihn. Er hat die Siegesfahne in der einen Hand und die rechte Hand ist segnend erhoben. Sein Blick zeigt die Richtung an: zum Himmel, in Höhe. Wer das ausgesucht und gesetzt hat, zeigt seine große Gewissheit an, was und wo die Verstorbenen nun sind.

Da ist die reine Namensstele. Kein individuelles Grab. Nur ein Stück Wiese. Auf der Stele sind Namenstafeln angebracht. Es gibt noch etlich freie Plätze. Was heißt das? Der Tote als Toter ist nur noch Teil von irgend etwas. Er hat keinen eigenen Platz und Ort mehr. Was übrig bleibt ist ein Name. Ansonsten gibt es nichts mehr von ihm.

Eine Granitplatte. Aufgedruckt ist eine Gitarre. Ich kenne das von zu Hause. Da ist sind die Grabsteine nicht mehr mit einem religiösen Symbol versehen, sondern es wird gezeigt, was der Verstorbene war. Was er gerne getan hat, wofür sein Herz geschlagen hat. Ein Auto – eine Gitarre – ein Fußball…Doch hier – man kann es kaum erkennen – im oberen Eck, ganz klein und mit zarten Strichen gezeichnet: ein kleines Kreuz. Ein klein bisschen Glauben, Hoffnung, Christus auf der großen Lebensplatte ist geblieben.

Ein Grabstein, der aus zwei großen Halbkreisen besteht, in der Mitte Maria steht, die der Schlange den Kopf zertritt. Im ersten Moment hielt ich es für einen Engel, der in gütigem Blick in das Grab hinein ruft und mit offenen Armen die dort liegenden empfängt.

Ein Grabstein in der Form eines weißen Buches. In das Buch eingeschrieben ist der Name des Verstorbenen. Du – mein Sohn – bist eingeschrieben in das Buch des Lebens. Daneben Notenschlüssel, Musikzeilen und Noten: Die Musik des Lebens nimmst Du mit und spielst sie in einer neuen wunderbaren Tonart.

Ein sehr altes Grab, dem Anschein nach. Es besteht nur aus einem einfachen Holzkreuz und einer hölzernen Umrandung. Beides ist bereits stark verwittert. Die Holzplanken der Grabumfassung weisen deutliche Spuren des Verfalls auf. Doch das Grab selbst ist übersät mit blühenden Blumen. Jetzt Ende Oktober. Weiß, lila, rot, grün und geld sorgfältig in geschwungenen Linien angeordnet. Darunter frische, schwarze Erde – alles voller Liebe und Hingabe gestaltet. All das lässt das verwitterte Holz erstrahlen und blühen.

Ein Grabstein: Verstorben 2 Monate vor Kriegsende. Der Grabstein trägt das Wehrmachtskreuz für Gefallene. Ist da jemand schwer verletzt nach Hause gekommen und dann hier noch gestorben?

Lebensgeschichten und Tragödien liegen in dieser Erde – Lebensgeschichten längst eingebettet in den Frieden und die Ruhe Gottes.