Von Moral, Sitte, Unzucht und einem großen Mehr

„Da hat aber einer richtig auf den Tisch gehauen“, dachte ich bei mir, als ich den nachfolgenden Text gelesen hatte:

Alles ist mir erlaubt – aber nicht alles nützt mir. Alles ist mir erlaubt – aber nichts soll Macht haben über mich. Die Speisen sind für den Bauch da und der Bauch für die Speisen; Gott wird beide vernichten. Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib. Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken. Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Auf keinen Fall! Oder wisst ihr nicht: Wer sich an eine Dirne bindet, ist ein Leib mit ihr? Denn es heißt: Die zwei werden ein Fleisch sein.

Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm. Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib! (1 Kor 6,12)

Unzucht – Dirnen – Sünde; zumindest scheinen vor allem sind die Freier die Übeltäter zu sein.

„Alles ist erlaubt“ – jeder kann machen was er will. Das passt scheinbar ganz gut zu unserer ach so toleranten Gesellschaft. Jeder kann mit jedem, – ein bisschen homo, ein bisschen hetero, eine Prise bi gepaart mit Trans. Es lebe die offene Beziehung in der man eigentlich polygam leben möchte…“Aber was nutzt es euch? Zu was führt es?“

Sie merken, wenn so der Fokus gelegt wird, ist man sofort bei einer deftigen Moralpredigt. Nicht dass eine solche per se schon schlecht und schädlich wäre. Auch die Frage, was denn nun wirklich Macht über mich hat, und welche Macht ich ausübe, darf gestellt werden. Doch was müsste ich an dieser Stelle nicht alles zu erklären versuchen. An manchen Ecken müsste ich mich winden, an andere mich stoßen, und viele fühlten sich vor den Kopf gestoßen.

Doch braucht Moral und Ethik einen religiösen background?  Es gibt etliche Theologen und Philosophen, die die Auffassung vertreten, dass moralisches und ethisches Verhalten sich mit dem Verstand und aufgrund eines gesellschaftlichen Diskurses begründen lassen. Vor kurzem sah ich einen Film, in dem es um loverboys, Prostituierte und Verführung Minderjähriger ging. Der Film kam vollständig ohne religionsethischen Ansatz aus.

Paulus geht es mehr als nur um eine Moralpredigt. Die Textstelle wird in der katholischen Liturgie mit einem Evangeliumstext in Bezug gesetzt, in dem Jesus Leute einlädt zu ihm zu kommen (Joh. 135). Er lädt sie ein, ihn kennen zu lernen. „Kommt zu mir in meinen Wohnbereich – erfahrt, was es heißt bei mir zu sein.“ Es wird nicht erzählt, was Jesus mit ihnen besprochen hat. Aber die unmittelbare Begegnung mit Jesus, erfasst und ergreift die Jünger und krempelt sie innerlich um, sie erfahren eine neue innere Ausrichtung aus der Begegnung mit diesem Jesus.

Er ist, wie Johannes uns sagt, nicht irgendjemand. Johannes nennt ihn „Lamm Gottes“. Eine seltsame Titulierung. Im jüdischen Kontext klingt da aber sofort etwas ganz Bedeutsames an:

Das Pessach-Lamm, das beim Auszug aus Ägypten den Todesengel abweist. Jesus, der Christus, in dem der Tod überwunden wird!

Das Opferlamm – der Sündenbock und der Gottesknecht bei Jes. (53, 7ff), auf den alle Schuld, alles Vergehen und alle Sünde aufgeladen wird – und er sie vernichtet. Alles Grausame, alles was uns von uns selbst, den Menschen, der Schöpfung und Gott trennt, nimmt dieser Jesus auf sich, vernichtet es und wandelt es um in Heil. Das ist dieser Jesus, der Christus. – sagt Johannes.

Auf eine solche Erfahrung baut die Sichtweise des Paulus auf. Ihm geht es nicht um eine lockere Beziehung – am Sonntag mal kurz bei Jesus vorbeischauen. Er redet davon „Eins-zu-Werden“ mit diesem Christus. Er redet davon zum Leib Christi zu werden. Er bindet sich an ihn. Es ist eine schon körperliche Begegnung – Geist Gottes in uns. Unser Leib als Wohnort und Begegnungstätte mit dem HERRN, gewirkt durch den hl. Geist. Da ist die Rede von Übereignung, Lebensübereignung. In einer solch tieferen, inneren Beziehung geschieht Heilung und vollzieht sich Heiligung, die den ganzen Menschen mit Körper und Seele, Schöpfung und Geist ergreift.

Erst aus diesem Blickwinkel verstehe ich auch die moralische Komponente. Was würde passieren, wenn wir unsere Lebensgestaltung im Bewusstsein einer solchen Einheit mit Gott ausrichten könnten?

Was würde da mit uns geschehen?

Was würde das für unsere Gesellschaft heißen?

Es würde uns sicher überfordern – doch ein klein bisschen…