Psychotherapie und Versöhnungssakrament

Lachen

Gibt es Aspekte des Heilens, die in der Psychotherapie und im Versöhnungssakrament gleichermaßen vorliegen?

Ein Nachgehen der Frage nach dem gemeinsamen Kern seelischer Genesung.

 

Therapeutische Grundhaltung

Nach den Studien von Carl Rogers sind es vor allem drei Eigenschaften der Therapeuten, die einen besonders positiven Einfluss auf den therapeutischen Erfolg nehmen:

– Die Echtheit (Authentizität) des Therapeuten,

– die wertschätzende Haltung gegenüber der Klientel und

– die offene Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte (Einfühlungsvermögen).

Durch diese Haltungsaspekte geschieht – neben den spezifischen angewendeten Methoden der jeweiligen Therapierichtung – insbesondere die erwünschte – Veränderung ermöglichende – Situation, die für die Therapie von so zentraler Bedeutung ist.

 

Reaktionen und Heilung

Es ist also das Erleben der Klientel, dass der einzelne Mensch von einer durch Kompetenz, Professionalität und Approbation „beamteten“ Fachperson in aller Ehrlichkeit angenommen wird und die thematisierten Gefühle durch das Mitfühlen als legitimiert und akzeptiert wahrgenommen werden können.

In diesen Erlebnissen ist bereits ein Empfinden konfundiert, das nur selten in der Fachliteratur dazugenannt wird: Das Gefühl der Exculpation, der Versöhnung/Entschuldung, welches durch Selbstzweifel, Selbstvorwürfe und Selbstabwertung bezüglich der eigenen empfundenen Unzulänglichkeit so sehr ersehnt wurde: Die Therapeutin oder der Therapeut verurteilen mich nicht, ich bin angenommen, ich darf sogar ganz frei über mein Problem und alle meine Selbstunsicherheiten sprechen. Ja, diese sind sogar so wertvoll, dass ich das ganz ausführlich besprechen darf. Und dann werden sogar noch mögliche Lösungen gesucht und richtig intensiv mitgedacht. Das tut gut.

An dieser Stelle kann etwas heilen, wieder zusammenfinden, sich neu vereinbaren und reorganisieren. Ausgeklammerte Inhalte, verneinte, abgelehnte Inhalte können wieder integriert und damit das Gesamtsystem wieder vollständig werden und eine insgesamt positive Grundbewertung zurückgewinnen.

 

Heilung im Versöhnungssakrament

Hier scheint mir eine Parallele zur Heilkraft des Versöhnungssakramentes und zu den Heilungsgeschichten des Neuen Testamentes aufzuscheinen.

Die beamtete/autorisierte Fachperson, bei der Beichte der Priester, bleibt in abstinenter Haltung (also ohne sich emotional direkt in das Geschehen hineinziehen zu lassen) dem Beichtenden zugewandt, im Beichtstuhl sogar, ohne, dass man das Gesicht des Priesters sehen kann. Die sakramentale Lossprechung soll genau diese Versöhnung ermöglichen, die ebenfalls ein tiefes Gefühl des Angenommenseins und des Geliebtseins bedeuten kann.

 

Liebe muss geglaubt werden

Letztlich ist in allen Fällen, die Wahrheit des Angenommenseins und Geliebtseins nicht durch Beweise zu belegen, die der Klientel mitgegeben werden könnten. Nein, diese Versöhntheit und Liebe muss geglaubt werden. (Wie übrigens immer in diesem Zusammenhang: Echte Liebe und Zuneigung muss immer geglaubt werden, da alle symbolhaften Liebeshandlungen auch vortäuschend verwendet werden können.)

 

„Siehe, dein Glaube hat dir geholfen.“

Die sich zuwendende Liebe Gottes zu den Menschen, die in allen Sakramenten realsymbolisiert wird, ereignet sich in der Zuwendung Jesu zu den Kranken und sogar zu den Leblosen und entfaltet hier eine sichtbare heilende Wirkung.

Dem musste allerdings eine gläubige Anfrage der Kranken oder deren Angehörigen vorausgehen. In der Beichte und in der Psychotherapie ist dies ebenso der Fall, da ja die betreffenden Menschen von sich aus mit einem Anliegen zu den „Amtsträgern“ kommen.

Das letztlich heilsame Agens ist dabei im Kern stets die aufrichtige liebevolle Zuwendung, die Annahme und das Sich-Kümmern. Das ist in besonders drastischer Weise im Samariter-Gleichnis (Lk 10, 25ff) deutlich: Der Bedürftige steht im Mittelpunkt und die konkrete Religionszugehörigkeit bleibt im konkreten Liebesdienst stets zweitrangig.

Diese Zuneigung (letztlich die Zuneigung Gottes zu den Menschen in der Person Jesu Christi), die auch Vergebung oder Vergebungsbereitschaft bedeutet und neue Hoffnung ermöglicht, ist das wahre Brot des Lebens, das Licht der Welt, das die Welt eines jeden Menschen von Grund auf erneuern kann.

 

Auftrag an alle

Dieses Heilbringende verwalten jedoch nicht nur die professionellen Dienste, sondern jeder Mensch in jeder Kommunikationssituation, die diesen Namen verdient. Jeder Mensch hat diese Fähigkeit, sich dem Mitmenschen zuzuneigen und ihm liebevoll und versöhnlich zu begegnen, was dann in jedem Fall eine heilbringende Wirkung ermöglicht. Wir sind also auch alle Therapeutinnen und Therapeuten, wenn wir durch ehrliches Einfühlen und versöhnliches Annehmen den Mitmenschen ihre Lasten erleichtern oder abnehmen.

Insofern gilt die Zusage „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“ (Joh 20, 21-23) letztlich für alle zwischenmenschlichen Begegnungen. Und sie ist Auftrag, weil auch wir uns nach Vergebung, Angenommensein und Geborgenheit sehnen: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

 

 

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