Religion und Politik – ein Dauerbrenner mit Geschichte

Religion und Politik

Es ist immer wieder das gleiche Dilemma:

Religion ist irgendwie immer politisch, aber religiöse Politik ist stets fatal.

Diese Problematik scheint fast so verzwickt zu sein, wie die Hegelschen Überlegungen zur Form-Inhalt-Vermittlung oder dem anthropologischen Leib-Seele-Problem.

Am Beispiel der drei monotheistischen Weltreligionen soll dies einmal verdeutlicht werden.

Gläubige Nehmen wir einmal den jüdischen Staat Israel:

Es ist verständlich, dass die Menschen jüdischer Religion auch zusammen leben möchten – aber braucht es dazu einen Staat? Es ist unbestritten so, dass in religiös offenen Ländern auch der jüdische Glaube einschränkungsfrei gelebt werden könnte.

Meint man nun, die eigene Religion – in diesem Fall die jüdische – nur in einem Staat leben zu können, stellt man bald fest, dass diese Religion ja gar nicht so einheitlich ist. Im Staate Israel leben sehr viele unterschiedliche jüdische Gruppierungen (orthodoxe, ultraorthodoxe, Ashkenasen, liberale, moderne etc.) mit unterschiedlichen Regelgewichtungen und auch areligiöse Israelis.

Flagge

Was diese mittlerweile politisch eint ist teilweise nicht mehr die religiöse Überzeugung, sondern der Zionismus, gleichsam eine Art israelischer Chauvinismus, der wiederum unterdrückend auf die palestinensische Mit-Urbevölkerung wirkt, die muslimisch und christlich ist.

Insbesondere der deutschen Bevölkerung wird in diesem Zusammenhang besonders schwer gemacht, die politischen Entscheidungen des israelischen Parlamentes kritisch zu bewerten, da vor dem Hintergrund der Judenverfolgung im letzten Jahrhundert diese Kritik als Antisemitismus verstanden werden will. (Leider gibt es offenbar auch noch diesen Antisemitismus immer noch, auch wenn er zunächst nicht Gegenstand dieser Überlegungen sein soll.)

Wenn also Kritik an den völkerrechtlich höchst zweifelhaften Siedlungsentscheidungen der Regierung Benjamin Netanjahus – die zionistisch zu bewerten sein könnten – geäußert wird, ist der Reflex automatisch, diesen evtl. „Antizionismus“ als „Antisemitismus“ misszuverstehen. Und damit wird diese Kritik quasi durch das „Totschlagsargument“ des Antisemitismus erstickt, obwohl sie diskutiert werden sollte.

 

halbmondIm Islam haben wir ein ähnlich haltbares System:

Jegliche intensivierte Ausübung des Islam ist immer auch politisch zu verstehen – und damit immer konflikthaft.

Nach den Vorgaben des Koran – und zwar nicht den interpretierten, sondern den expliziten (!) –, ist auch die Errichtung eines islamischen Staates unter der Herrschaft der Scharia ein anzustrebendes Ziel. Das macht eine Koexistenz mit anderen Religionen problematisch.

Solange eine Minderheitssituation für die muslimischen Gläubigen besteht, erscheint die Koexistenz durchaus friedlich möglich. Allerdings bereits wenn städtische Viertel mehrheitlich muslimisch bewohnt sind, gibt es nicht nur in Marseille, in London und in deutschen Großstädten muslimische „Ordnungseinheiten“, die eine politische Parallelgesellschaft in juristischer und exekutiver Hinsicht darstellen.

ImamUnd viele Muslime gehen eher zum eigenen Imam, wenn es rechtliche Fragen hinsichtlich z.B. familienjuristischer Themen gibt. Sie halten dann z.B. das Jugendamt oder den Schiedsmann für ihre konkrete Problemstellung nicht für relevant. Das ist sicher aus dem kulturellen und religiösen Hintergrund verständlich, allerdings für die Akzeptanz einer westlich geprägten Gemeinschaft belastend.

Letztlich kann ein demokratisches Gemeinwesen eine solche praktische Parallelregierung nicht dulden, wenn sie sich selbst noch ernst nehmen und wirkungsvoll bleiben will.

 

KreuzeIm Christentum können wir in dieser Hinsicht die reifste Trennungspraxis von Religion und Staat feststellen, wenngleich auch hier und dort immer wieder die Versuchung und Bestrebung aufflackert, auch politisch mächtig zu werden/bleiben. Dies wird z.B. deutlich hinsichtlich der Entscheidungen zur Zulassung von Moscheen, zum Thema Kirchensteuer (in Deutschland), auch zur Gesetzgebung zur Gleichstellung unterschiedlicher Paare und zum Lebensschutz. Alles durchaus inhaltlich begründbar und verständlich.

Kirchengeschichtlich sind die unheilvollen Gleichschritte von Religion und Politik hinlänglich bekannt. Bereits nach dem Reichsdeputationshauptschluss zu Beginn des 19. Jahrhunderts ging jedoch die Entwicklung in die richtigere Richtung. Heute können wir uns in Europa, besonders auch in Deutschland über ein im positiven Sinne christlich geprägtes Staatsgefüge mit berechtigter liberaler Haltung gegenüber Andersgläubigen freuen.

Und doch keimt in den Kirchen immer wieder die unheilvolle Idee auf, politisch wirksam sein zu wollen, vor allem in der evangelischen Kirche, deren Vertreter immer wieder auf die anzustrebende politische Relevanz hinweisen.

 

Eucharistie„Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ – Schlusswort aus christlicher Sicht:

Wenn es eine politische Wirksamkeit aus christlicher Perspektive geben kann, dann sicher keine direkte personelle Beteiligung an politischen Entscheidungen. In der katholischen Kirche ist dies dahingehend verwirklicht, dass Kleriker keine politischen Ämter ausführen dürfen, noch nicht einmal einen weltlichen Vereinsvorsitz.

In der evangelischen Kirche war bis vor kurzem Frau Göring-Eckhard von den Grünen EKD-Synoden-Präses. Das ist schon durchaus theologisch fragwürdig. Oder? Mit einer ehemaligen Politikerin ist der Posten nun einen Hauch besser besetzt – aber warum ist es kein Mensch, der – ohne vorher VIP gewesen zu sein – einfach nur ein tiefes Glaubenszeugnis ablegt? Sicher kann ein Polit-VIP auch glauben, aber es hat den Geruch eines Kriteriums für die Auswahl . . .

Sicher soll das konkrete mitmenschlich dienende Verhalten aus christlichem Glauben die Welt verändern – allerdings nicht, indem daraus Vorschriften für andere Menschen gegossen werden, die Gruppen von einander trennen oder benachteiligen. Es bleibt jeder Mensch letztlich seinem eigenen Gewissen verpflichtet. Das können wir nicht „outsourcen“!

Das legitime – und letztlich mächtige – Politische aus christlicher Perspektive liegt lediglich und ausschließlich im konkreten persönlichen dienenden Handeln und Einstehen in Liebe für die Menschen, besonders für die Armen, die Kranken und Benachteiligten.

Sonst nichts.

 

 

 

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