Bestattung eines Menschen

Die Vorgeschichte

Anruf eines Bestattungsunternehmens am Vormittag.

Die Mitarbeiterin und ich kennen uns schon seit vielen Jahren, hatten uns dann lange nicht gesehen oder kontaktiert. Erst bei einer Trauerfeier mit Urnenbestattung im letzten Herbst sind wir uns wieder begegnet und ins Gespräch gekommen:

Könntest Du Dir vorstellen, auch Menschen zu beerdigen, die aus der Kirche ausgetreten sind?

Nebelbaum

(Die meisten evangelischen Geistlichen in unserer Gegend lehnen die kirchliche Beerdigung von Ausgetretenen ab. Nur ganz wenige sind dazu bereit.)

Als Ständiger Diakon im Zivilberuf kann ich das nicht allein entscheiden. Ich bitte die Bestatterin, sich mit meinem vorgesetzten Pfarrer in Verbindung zu setzen und ihn zu befragen; ich selbst sei sicher dazu bereit.

Das hat sie getan und mein Pfarrer hatte nichts dagegen. Ganz im Gegenteil:

Es ergaben sich hier Gespräche und Austausch kirchlicher Texte zum diesem Thema, was insgesamt zu einer positiven Entscheidung führte. Ja, wir können Menschen, die aus der Kirche ausgetreten sind, beerdigen – allerdings wollen wir von Fall zu Fall neu überlegen, wie dies sinnvollerweise dann gestaltet werden kann.

Es kam so.

 Vorbereitung

Die Bestatter riefen an und nach kurzer Abstimmung mit dem Pfarrer war ich mit diesem Dienst beauftragt.

Das gestaltete sich insofern spannend, als im Vorgespräch mit der Mutter und der Schwester des Verstorbenen deutlich wurde, dass dieser zwar aus der evangelischen Kirche ausgetreten sei, die beiden Damen jedoch gläubige evangelische Christinnen seien und es gerne hätten, wenn die Trauerfeier auch im christlichen Duktus stattfinden könnte. Allerdings sei die Witwe gegen eine deutlich kirchliche Prägung der Feier und es solle darauf auch Rücksicht genommen werden.

Diese Einschätzung bestätigte sich in einem Telefonat mit der Witwe, wobei sie dennoch zustimmte, als sich die Mutter des Verstorbenen zumindest das Vaterunser zur Bestattung am Urnengrab wünschte.

Spannend war nun die Aufgabe, diesen Spagat zwischen der inhaltlichen Verkündung der christlichen Auferstehungshoffnung in der sprachlich quasi-saekularen Ausdrucksweise eines Trauerredners zu vollziehen.

Ich nahm diese Herausforderung an, da ja die Trauerfeier und die Bestattung eine besonders für die Hinterbliebenen wichtige Funktion hat, die auch und besonders in meinem Verständnis zur Aufgabe eines Diakones gehört.

Texte sichten, Internetrecherche, Gedichtsammlungen wälzen, Weisheitstexte suchen – ich machte mich an die umfangreiche Arbeit.

Nach einiger Zeit stellte sich allerdings heraus, dass die Texte und Gedichte der freien Trauerredner sich inhaltlich nicht mit meiner Intention der Verkündigung in Verbindung bringen ließen, bzw. sich durch zumindest missverständliche Wendungen nicht eigneten.

Also selber dichten.

Ein paar Aussagen waren mir schon eingefallen. Es galt nun, diese in eine liturgisch brauchbare Form zu bringen und dann – im Grund nach dem Aufbau der Trauerfeier im Rituale – zusammen zu stellen. Auch in der Ansprache wollte ich doch noch einige Dinge unterbringen, die über die gewünschten biographischen Angaben hinaus gingen und sowohl tröstlich, wahrhaftig und zusätzlich theologisch brauchbar waren.

Licht

Die Feier

 Alles im Leben hat seine Zeit,

wie der Wellenschlag des Meeres,

Es gibt eine Zeit der Freude,

eine Zeit der lauten Fülle,

eine Zeit der Stille,

eine Zeit des Schmerzes und der Trauer

und eine Zeit dankbarer Erinnerung.

Wie von der Familie erwartet, wurde diese Trauerfeier von vielen Gästen mitgefeiert. Es waren sicher deutlich über 40 Personen und die kleine Friedhofskapelle war gut gefüllt.

 Zum Abschied

 Ich danke, dass ich Euch erlebt,

Ich bitte, dass Ihr mir vergebt.

 Ich seh im Dunkeln nun ein Licht,

das liebevoll jetzt mit mir spricht.

 Getrennt ist nur der sichtbar Ort.

Der Tod hat nicht das letzte Wort.

 Lange Trauer ist entbehrlich,

denn die Liebe ist unsterblich.

 Und wenn ihr Hoffungstränen weint,

sind irgendwann wir neu vereint.

Wie häufig bei solchen Dingen, gab es auch in diesem Fall im Verlauf der Feier Abstimmungsproblemchen und kleinere Pannen (Liedauswahl klappte nicht, die Gedenkkerzchen waren nicht da, unvorhergesehener Nachruf eines Vorgesetzten, etc.), die gottlob nichts mit meiner Rolle zu tun hatten und letztlich die Trauerfeier auch nicht ernstlich störten.

Ende der Ansprache:

 Im Diesseits fehlt uns dieser Mensch, der jetzt nicht mehr da ist. Die Veränderung ist noch nicht verdaut. Noch immer meinen wir, ihm evtl. gleich wieder begegnen zu können. Doch das wird so nicht sein. Das müssen wir erst lernen.

Der Tod und das Sterben bleibt für uns ein geheimnisvolles Geschehen. Wir wissen, dass der Tod zum Leben gehört, und das Sterben genauso wie das Geboren-werden. Und doch können wir über die jenseitige Welt nur spekulieren.

Aber genauso wie wir wissen, dass wir irgendwie mehr sind als Körper, gibt es in uns eine tiefe Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles vorüber ist. Der Trost wohnt in dem Gedanken, dass der Tod keine ewige Trennung bedeutet, sondern den Wechsel einer Seinsdimension.

Näher beschreiben können wir das zwar nicht, aber irgendwie ist da eine tiefe Zuversicht, dass wir eine Gemeinschaft haben, die über Raum und Zeit dominiert.

Auch wenn uns die Beweise dafür fehlen: Wir werden sicher niemals einsam sein, auch wenn wir uns jetzt so fühlen. Wir und auch der Verstorbene gehen nicht verloren.

Die Prozession zum Urnengrab war lang. Er führte über fast über das ganze Friedhofsgelände und dennoch hörte man aus der Trauergemeinde kein Wort. Das war sehr ergreifend, denn das hatte ich so von einer Trauerversammlung, die sich zumindest teilweise so ganz klar kirchenfern verortete, nicht erwartet.

 Ich gehe – bleibend,

Ich bleibe – gehend,

Ich bin nirgends überall.

Ich bin für ein und alle Mal.

Du bleibst bei mir,

ich dort, Du hier.

Ehrenmal

Wie formuliert man diesen schönen Text „Zum Paradiese sollen Engel dich geleiten“ so, dass diese Geborgenheit deutlich wird, allerdings in anderem sprachlichen Gewand? Vielleicht so:

 Geh nun Deinen Weg aus dieser Zeit,

Wir wünschen Dir gutes Geleit.

Es leuchte Dir das ewige Licht

ins friedevolle Angesicht.

Danach schloss sich das Vaterunser an, das mir an dieser Stelle wie eine Erlösung vorkam: Endlich beten! Die knappe Hälfte der Trauergesellschaft betete hörbar mit. Wie formuliert man nun zum Abschluss einen Segenswunsch, der in (hier) akzeptablem Sprech angenommen werden kann?

Die Hoffnung und die Zuversicht,

die im Angesicht des Abschiedes aus dieser Welt

echten Trost vermitteln kann,

begleite auch uns auf unserem weiteren Lebensweg.

Sie erfülle Dein und mein ganzes Herz mit Frieden.

Nachdem zumindest die Angehörigen sich persönlich am Urnengrab verabschiedet hatten, kondolierte ich und zog mich zurück. Im Stillen betete ich für den Verstorbenen und seine Familie. Es war mir ein Bedürfnis.

Die Trauerfamilie war insgesamt sehr erleichtert über diese Form der Feier und des Gedenkens. Vielleicht werde ich dieses Modell noch brauchen.

 

 

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