Schweigen in Kloster Engelthal

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Anruf beim Kloster bereits vor drei Wochen: „Ja, wir haben ein stilles Plätzchen für Sie.“ Ich habe mich richtig darauf gefreut. Vor allem auf das Psalmensingen bei den Stundengebeten (Laudes-Morgenlob, Sext-Mittagslob, Vesper-Abendlob, Komplet-Tagesabschluss, Vigil-“Nachtwache“).

Diese Auszeit war für mich dringend nötig. Seit wenigen Tagen spüre ich eine Erkältung kommen – ein sicheres Zeichen von „Nase-voll-Syndrom“. Die kommenden Tage der Ruhe werden von meinem Organismus heiß ersehnt. Mit der Entschlossenheit zum Sorgen-Fasten.

1. Tag: Ankunft zum Mittag

Das Ankommen ist schnell erledigt, die Räumlichkeiten und die Abläufe im Kloster sind mir wohl vertraut. Es ist ein wenig wie Nach-Hause-Kommen. Sr. Ruth freut sich und gibt mir den Schlüssel. Ich bin pünktlich zur Sext, der Mittagshore um 12 Uhr. Es sind wenige Gäste mit in der Kirche. Es tut gut, mit den Schwestern zu singen.

pax

Es tut auch gut, dass es hier akzeptiert ist, zu schweigen. Freiheit.

Natürlich gibt es die selbstverständlichen freundlichen kurzen Wortwechsel, allerdings keine längeren Gespräche oder Small-Talk. Herrlich.

Unterdessen geht es mir gesundheitlich immer schlechter. Die Erkältung entfaltet sich mit all ihren Symptomen. Und dennoch ist es in diesem Moment und in dieser Atmosphäre alles vollkommen in Ordnung. Gott ist in allem bei mir. Auch in der Erkältung.

Kloster

Ein Spaziergang tut gut, dann läutet es um 17.30 Uhr zur Vesper. Das ganze verlängerte Schweigewochenende wird von den Psalmen geprägt sein. Abendbrot für mich allein gedeckt: Danke, liebe Schwestern. Dazwischen immer wieder auf dem Zimmer – Zelle wäre für die Ausstattung sanft untertrieben. Und ausruhen. Ganz still. Keine Störungen. Einfach nur ruhen. Wahnsinn.

20 Uhr Tagesabschluss mit der Komplet und einer Vigil zur Hl. Cäcilia. Diese Patronin der Kirchenmusik und -musiker hat heute ihren Gedenk-/Namenstag. Um 21 Uhr bin ich wieder auf dem Zimmer. Schlafen gehen.

Die Nachtruhe klappt leider aufgrund der Erkältung und der ungewohnten Stille nur holprig – trotzdem fühlt es sich richtig an.

2. Tag

Am nächsten Morgen fühle ich mich körperlich wie zerschlagen. Die Laudes der Schwestern um 6 Uhr hatte ich für mich innerlich schon abgesagt, ebenso das Konventamt um 8 Uhr. Stattdessen bete ich um 8 Uhr meine eigene Laudes. Das Frühstück habe ich wieder allein, herrlich.

Waldbank

Danach kommt ein ausgiebiger Spaziergang mit Fotoapparat durch den nahe gelegenen Wald und die Felder. Das hat gut getan, ich bekomme besser Luft. Seit dem Aufstehen plagt mich allerdings starker Schwindel – wohl wegen der Ohrenprobleme.

Dann besuche ich kurz das Kloster-Lädchen. Es ist eine hübsche kleine Boutique mit schönen Dingen, Büchern, Kalendern, Devotionalien etc. und sehr geschmackvoll eingerichtet. Allerdings wundere ich mich über eine relativ große Auslage mit Heilsteinen in unterschiedlichen Größen, detaillierten Beschreibungen und reichlich Literatur dazu. In einem Kloster?

Laden

Schweigen macht mir keine Probleme, tut mir eher gut. Der Luftmangel nimmt mir die Energie raus. Ist vielleicht auch mal ganz gut – alles in Zeitlupe: slowmotion.

Mittagessen nach der Sext zu zweit schweigend. Dann noch ein kurzer Spaziergang und wieder ruhen. Die mitgebrachten kleinen Aufgaben und Texte sind aktuell nicht wirklich attraktiv. Ich brauche auch keinerlei Beschallung oder Nachrichten. Einfach nur ausruhen und dann kommt so ein Gefühl, als würde die Nase etwas freier.

Die Vesper mit vielen Gästen gebetet, danach geht die Nase langsam wieder zu. Das anschließende Abendbrot esse ich wieder allein – sehr gut. Danach gönne ich mir ein paar fair gehandelte Gummibärchen aus dem Teeküchen-Kiosk. Dann etwas Ruhe.

Komplet und Vigil gehen wieder bis kurz vor 21 Uhr. Jetzt kann ich ein paar Worte niederschreiben. Nase geht wieder zu, Husten kommt. Trotzdem prima Tag.

Klosterkirche

3. Tag

Nach einer wieder sehr holprigen Nacht entscheide ich mich wie gestern für die eigene Laudes um 8 Uhr. Ich komme pünktlich zum Frühstück und sehe, dass für weitere drei Personen gedeckt ist: Warte ich? Mir ist es mittlerweile lieber, allein zu essen und so beschließe ich, mit dem Frühstück zu beginnen. Die anderen Gäste kommen dazu, als ich gerade fertig bin. Ich ziehe mich still zurück. Das war für alle OK so. Schuhwechsel, Jackenwechsel, Fototour durch Wald und Feld – 1,5 h. Danach ins Zimmer. Überall Gott mit seiner Liebe.

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Irgendwie hindert mich mein Matschkopf daran, tiefer spirituell einzusteigen – und trotzdem habe ich das Gefühl, dass das für meinen Herrgott und mich ziemlich in Ordnung geht. Fühle mich spirituell absolut im grünen Bereich. Schweigen ist klasse.

Bericht geschrieben, die Sonne kommt raus um 11.45 Uhr – das Zeichen für mich, jetzt zur Sext zu gehen. Die Sext ist üppig besetzt.

Beim nachfolgenden Mittagessen sitzen wir alle üppig zusammen in dem Speiseraum. Die Gruppe entpuppt sich als ein Förderkreis, der heute im Kloster mit anpacken will zur Vorbereitung des Adventsmarktes am nächsten Freitag und Samstag. Ich muss mir ein Plätzchen suchen, finde auch eines am Rande und kann prima freundlich weiter schweigen.

Das Kloster hält Maß. Auch bei den Portionen. Das ist nicht schlecht – vielleicht ein Modell für Zuhause?

Die Gesprächsthemen der Mit-Gäste bei Tisch erscheinen mir nicht unvernünftig, aber doch recht banal. Das hilft ungemein beim Schweigen und macht es nicht nur angenehm, sondern fast schon notwendig.

Kurzer Spaziergang: Die Sonne kämpft mit dem Hochnebel einen angenehm milden Kampf. Schön hier. Dann Ruhe.

Knospe

Fühle mich wieder ein wenig besser. Ist diese Zufriedenheit schon ein Stück vom Himmel? Selbst, wenn die körperliche Gesundheit noch auf sich warten lässt, so habe ich dennoch das Gefühl, etwas aufzutanken in dieser Ruhe und Abgeschiedenheit.

Vesper mit weiteren fünf Gästen. Ein jüngerer Mann erscheint psychisch nicht ganz gesund, ist aber regelmäßig und still dabei. Es war die Vesper vom Vorabend Hochfest Christ-König. Toll, mit Orgel und allem.

Abendbrot mit vier Damen, die sich wortreich über Getränke, Teesorten, leckeres abgekochtes Wasser und Zahnverfärbungen unterhielten. War als erster fertig und draußen. Sr. Ruth bemerkte eben: „Gell, Sie sehen zu, dass Sie da schnell wieder wegkommen?“ Ich hab´s bestätigt.

Novizenbau

Jetzt gönne ich mir den letzten Abend. Ich danke dem Himmel auf Knien für diese gute Zeit hier.

Ab 20 Uhr heute keine Komplet, sondern eine umfangreichere Vigil zum Hochfest mit schönen Antiphonen und einem ganz besonders ansprechenden responsorialen österlichen Halleluja auf gregorianisch. Insgesamt 75 Minuten. Auch wenn die Nase wieder zu geht und der Rücken sich meldet: Welch ein Verlust, wenn man darauf verzichtet hätte.

Ausklang mit einem Schluck trockenem Rheinhessen aus dem Teeküchen-Kiosk. Guter Tag – gute Nacht?

4. Tag: Abschied nach dem Mittagessen

Nacht war etwas besser, allerdings auch etwas unruhig, die Erkältungssymptome sind noch da.

Eigene Laudes um 7.20 Uhr. Um 8 Uhr ist Frühstück. War früher unten und eine Helferin sagte mir, ich könne schon anfangen. Es war für vier Personen gedeckt. Bin um 7.55 Uhr mit dem Frühstück fertig. Hosianna. Dank vieler Mühe und viel Salzwasser-Spray wird die Nase wieder freier.

Bewölkt und trocken, am Horizont die Sonne.

Der Festgottesdienst macht mir klar, warum ich hier bin. Er sagte: Mein Königtum ist nicht von dieser Welt. Nur wer im Stande ist, über diese Welt hinaus zu denken, kann Anteil haben an der Herrlichkeit. Ich darf hier Anteil haben an dieser Transzendenz, die eben hier gelebt wird. Das hilft. Schweißtreibende 14 Grad, boeiger Wind, wechselnd bewölkt mit Sonne. Prima, man ist gern draußen.

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Irgendwie bin ich tiefenentspannt und die Erkältung etwas gebessert.

Die Rechnung ist bezahlt, die Sachen gepackt.

Jetzt noch die Sext und das maßvolle Mittagessen an einer vollbesetzten Tafel: Willkommen zurück in der Welt. Und dann nach Hause. Ich freue mich auf meine Familie.

Einfahrt

Bilanz:

A. äußere Bedingungen:

Wetter: trocken, mild, bewölkt/hochneblig, teilweise sonnig, nicht sonderlich windig – top

Unterkunft: moderner Standard – keine Mängel

Verpflegung: klösterlich – geht voll in Ordnung

B. persönliche Bedingungen:

Gesundheit und allg. Befinden: immer noch erkältet, wenngleich gebessert, insgesamt frischer.

Zuhause hätte ich zur Erholung sicher weniger Ruhe gehabt.

Geistliche Verfassung: in besonderer Weise wohl, sauber, hell, frisch – geht wohl kaum besser.

(Mal sehen, wie lange das anhält . . .)

Fazit:

Das ganze Unternehmen hat gut getan, innen und außen. Das Sorgen-Fasten hat bis auf den letzten Abend und die letzte Nacht ganz gut geklappt. Das Kloster ist eine spirituelle Insel für Heil und Heilung.

So für ein bis zwei Mal im Jahr könnte ich mir so etwas durchaus wieder vorstellen. Vielleicht auch einmal in einem anderen Kloster.

 

 

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