Stille Tage in der Abtei Münsterschwarzach

Abtei Münsterschwarzach

Donnerstag, 21.2.2013, Ankunft

Ein kleines Abenteuer. Ich wusste, dass es ein großes Kloster ist mit vielen Abteilungen, Werkstätten und Gästeräumen. Die inneren Bilder, die entstanden, als andere über dieses Kloster sprachen, waren natürlich völlig falsch.

Die Anreise mit dem Auto fand bei bestem Wetter statt. Ein paar Schneeflocken, aber sonst schönster Sonnenschein teilweise über sanft schneebezuckerter Landschaft. Herrlich, trotz der vielen Laster auf der Autobahn.

Dann, noch vor der letzten Abfahrt, ein Blick auf eine riesige Basilika an einem Flüsschen: Das muss es sein. Und das war es auch.

Es ist 17.15 Uhr. Der Parkplatz ist 100 Meter entfernt an der Straße, der Klosterkomplex unübersichtlich, wenig romantisch und wie so oft sehr verschachtelt.

Gästehauseingang

Ich erkenne den Eingang zum Gästehaus von der Straße her, er wirkt verschlossen und nicht wirklich einladend, also gehe ich weiter zur Pforte. Auch diese nicht wirklich als solche offen wirkend. Ich trete ein und warte, dass der Mönch im Pfortendienst den Mann vom Paketservice abgefertigt hat. Dieser soll diverse Dinge aus der Druckerei abholen, aber da ist schon niemand mehr. Die Patres seien heute etwas durcheinander, weil ein Mitbruder beerdigt wurde.

Als ich an der Reihe bin, schickt mich der Pater die 100m zurück über die Straße zum Gästehaus, um mir dort den Schlüssel abzuholen. Ich mache mich, bepackt mit Rucksack und zwei Reisetaschen also wieder auf den Rückweg zum Gästehauseingang. Dort ist niemand mehr am Empfang. Ein ebenso ratloser anderer Pater sucht ebenfalls Personal. Er schickt mich wieder zur Pforte. Also: Bepackt wieder zurück zur Pforte. Hier erkläre ich dem Pfortenpater mein Problem und er entdeckt auf seinem Tresen einen Briefumschlag mit meinem Schlüssel. Prima.

Sehr lieb und besorgt macht er sich mit mir auf den Weg, das Zimmer zu suchen und wir finden es nicht sofort, aber dennoch. Er möchte mir den elektronischen Zimmerschlüssel vorführen, doch dieser will nicht. Bei mir nicht, bei ihm nicht. Er schließt mit einem anderen Schlüssel das Zimmer auf und ich kann wenigstens mein Gepäck dort ablegen. Das tut gut.

Dann machen wir uns auf den Weg, um Pater Andreas zu suchen, der für solche Dinge diese Woche Dienst hat. Unterwegs treffen wir die Hausmeister-Küchenfee, die ebenfalls mit mir den Schlüssel noch einmal ausprobiert und natürlich auch scheitert. Sie erklärt mir den Weg zum Speisesaal und erklärt, dass Pater Andreas mich dort finden wird.

Nun stand ich allein im Speisesaal, keine Information, außer, dass der Pfortenpater davon gesprochen hatte, dass um 18 Uhr Vesper ist. Ich fragte eine Küchenfrau, wie ich zur Vesper komme und sie erklärt mir sehr liebevoll, wo ich langgehen muss. Ich finde die Kirche und einen Bücherplan, der für benediktinische Stundengebete wichtig ist. Immerhin gibt es vier unterschiedliche Gesangbücher.

Basilika

Die Basilika ist riesig. Man möchte meinen, sie hätte die Maße des Mainzer Doms. Wahrscheinlich ist sie in Wirklichkeit nur unwesentlich kleiner. Es sind sicher zwischen 20 und 30 Menschen mit mir im Kirchenschiff, aber sehr zerstreut. Sie suchen Abstand – ich auch.

Wir erheben uns und der Konvent zieht ein. Es sind zwischen 40 und 50 Männer, die sich nach der Referenz in das Chorgestühl verteilen. Darunter auch der prominente Pater Anselm Grün, der an diesem Wochenende ein Seminar für Führungskräfte hier im Haus anbietet. Wir singen die Vesper mit Orgelbegleitung. Das tut gut.

Ich gehe wieder – diesmal mit den anderen aus der Kirche – in den Speiseraum, weil es nun Essen geben sollte. Es kam ein Pater herein, den ich dann ansprach. Es war Pater Andreas, der allerdings noch von nichts wusste. Ich gab ihm meinen Schlüssel und er wollte sich um eine Lösung bemühen.

Er bietet mir an, die Mahlzeiten auch im Schweigeraum einnehmen zu können, falls ich das möchte. Allerdings ginge das erst zum morgigen Frühstuck. Ich möchte.

Nun gibt es reichhaltiges Abendbrot. Lecker. Anschließend gehe ich in meine Zelle und stelle fest, dass die Nasszelle sehr pfiffig gelöst wurde:

Schwenk-Waschbecken

Ein schwenkbares Waschbecken befindet sich über der Toilette und kann, falls diese benutzt werden soll, Richtung Dusche zur Zeite weggeklappt werden. Wenn die Dusche benutzt werden soll, kann man das Waschbecken wieder über die Toilette zur Wand hin klappen. Toll. Insgesamt – mit Nasszelle – hat meine Zelle etwa 9 Quadratmeter. Reicht.

Ich lese die Informationen auf dem kleinen Tischchen und stelle fest, dass es gerade noch drei Minuten bis zur Komplet sind. Also auf in die Kirche.

Ich bin rechtzeitig, diesmal sind nur etwa 10 Besucher im Kirchenschiff. Wir beten die Komplet wieder mit Orgelbegleitung. Zum Ende ziehen die Mönche allerdings nicht geordnet aus, sondern jeder für sich, manche knien, beten noch, andere ziehen sich sofort zurück.

Ich hole mir noch eine Banane und eine Flasche Mineralwasser aus dem Speiseraum und gehe auf meine Zelle.

Irgendwie fühle ich mich etwas desorientiert: Ich bin völlig unaufgeregt an einem fremden Ort, als wäre es ein mir vertrauter und bekannter Ort. Ich bete mit, wie aus alter Tradition. Und doch bin ich fremd. Komischerweise verlaufe ich mich eigentlich überhaupt nicht, obwohl die Wege sehr verschachtelt sind. Irre.

Wo bin ich spirituell? Einerseits bin ich mit mir nicht zufrieden, weil ich in den letzten Tagen meinen eigenen Ansprüchen nicht genügt habe. Andererseits fühle ich mich hier nicht unwohl. Es ist alles in Ordnung, jetzt so und hier zu sein. So bin ich vor Gott da: Mit allen Fehlern, allem selbstauferlegten Schmutz, mit teilweise schlechtem Gewissen – und fühle mich doch geborgen. Irgendwie habe ich heute den Eindruck, dass mir der Himmel deutlich mehr vergeben kann, als ich mir selbst. Naja, ich bleibe dran.

Die Botschaft, die ich direkt nach der Komplet spüren durfte war: Ich sollte mich selbst besser behandeln und mich nicht mit ungünstigen Verhaltensweisen immer wieder so belasten.

Ich nehme es mir vor.

Morgen ist um kurz nach 5 Uhr Laudes und um 6.15 Konventamt. Ich werde meine Laudes um halb sieben haben und dann die Eucharistiefeier um 7.15 in der Krypta mitfeiern. Mal sehen wie das funktioniert.

Es war ein eigentümlich entspannt-aufregender Abend. Ich bin hier durchaus am richtigen Ort.

Clausur

Lieber Gott, bitte segne meine Aufenthalt hier und zeige mir die Dinge, die ich sehen und erfahren soll. Lass diese Klausur fruchtbar sein. Dir sei Lob, Dank und Ehre durch Christus, unseren Herrn. Amen.

 

Freitag, 22.2.2013, Fest „Cathedra Petri“

Gut geschlafen! Ich staune. Wach um 6 Uhr, eigene Laudes um 6.30 Uhr, dann mache ich mich auf die Suche nach der Krypta, die nirgends ausgeschildert ist. Im Kirchenschiff komme ich zum Agnus Dei der Konventmesse, bete mit, aber enthalte mich der Kommunion, da ich ja die Messe in der Krypta um 7.15 mitfeiern möchte. Eine Gottesdienstbesucherin erklärt mir den Weg dorthin:

Die Krypta selbst ist zwei Treppen tiefer auf der linken Seite des Altarraumes am Tabernakel vorbei.

Krypta

Ein schöner Raum ca. 12×12 Meter, Altar in der Mitte und quasi kreisförmige Anordnung der Bänke. Schön. Wir feiern mit 16 Gläubigen und zwei Patres ab Ende 70er Lebensjahre. Der Zelebrant mit sonorer Stimme hält eine Statio zum Fest Cathedra Petri und zusätzlich noch eine Homilie zu den historischen Missverständnissen des Papstamtes. Der Ton ist sehr machtkritisch und menschenfreundlich. Ich fühle mich wohl dabei. Eine sehr schöne und erbauliche Eucharistie. Und ein wenig versöhnter mit mir selbst bin ich auch.

Danach Frühstück abholen und der Pater Zelebrant, der auch im Speiseraum auftaucht, erklärt mir den Weg ins Schweigezimmer. Dort sind vier Gedecke, ich bin der erste. Die anderen kommen noch dazu, ein Mann und zwei Frauen. Angenehmes sehr stilles Frühstück mit einem wachsweich gekochten Ei! Wer hätte das erwartet? Prima. Ich fühle mich gut versorgt.

Im Anschluss daran finde ich Pater Andreas in der Anmeldung – wo ich schon vorab meinen Aufenthalt begleiche, weil das Büro über das Wochenende nicht besetzt ist – und er erklärt mir, dass keine Alternative zu meinem Zimmer besteht und das Schlüsselproblem noch nicht gelöst ist. Ich bedanke mich für die Mühe, und innerlich ist mir das mit dem Schlüssel ziemlich egal. Ich fühle mich wohl in meiner „offenen“ Zelle und werde natürlich dort bleiben. Draußen auf dem Flur vor meiner Zelle tobt die Putzkolonne.

Infoschild

Es ist klar und kalt draußen. Ich gehe zur Kirche, über das riesige Gelände mit den verschiedenen Abteilungen, Gymnasium, Recollectio-Haus, Sportplätze, Verwaltung, Druckerei, Verlag etc. Dann nach Schwarzach. Ein kleines Örtchen ohne große Einkaufsmöglichkeiten und ohne viele Menschen. Richtig gemütlich ist es hier nicht, auch wenn die Häuser hier in Ordnung gehalten sind und der Leerstand sich offenbar in Grenzen hält. Nach eineinhalb Stunden bin ich zurück im Kloster, die Putzkolonne ist noch unterwegs, allerdings bald fertig. Ruhe.

Lesen. Kurzschlaf.

Die Mittagshore ist gut besucht. Anschließend Mittagessen im Schweigeraum mit zwei Damen. Pater Andreas sucht mich im Schweigeraum auf und teilt mir mit, dass mein Zimmerschlüssel nun funktioniere.Die Harmonie unter den Schweigenden stimmt. Die Spinatsuppe, das Fischfilet mit Feldsalat, Kartoffeln und Kräuterbutter ist reichlich, nicht überwürzt und insgesamt sehr lecker. Auch der Blaubeerjoghurt als Dessert. Ich fühle mich tiefenentspannt.

Nach dem Essen hole ich den Zimmerschlüssel ab und teste ihn: Er funktioniert. Auch die Dame am Empfang ist nun sehr erleichtert. Alles prima. Aber irgendwie rast die Zeit.

Zimmerschlüssel

15 Minuten Spaziergang in die andere Richtung. Es ist bedeckt und es fallen einige Schneeflocken. Wohngebiete, Einfamilienhäuser. Ordentlich. Auffallend sind die farblich abgetönten Fassaden: Man hat hier Freude an und Mut zur Farbe: Geschmackssache. Zur Kaffeezeit gibt es Kuchen im Speiseraum und Kaffee aus dem Automat.

Lesen, Ruhen – auch Schlafen. Es wird lauter auf dem Flur, Familien mit kleineren Kindern, die an einem Religiösen Wochenende für Soldatenfamilien teilnehmen. Es ist gut, dass es so etwas gibt. Ich erkenne einmal mehr, dass mir die Bedürftigkeit dieser Gruppe seither eigentlich überhaupt nicht im Blick war. Es gilt also, noch viel aufmerksamer zu werden.

Die Vesper ist gut besucht und ich zähle ca. 60 Benediktiner im Chorgestühl. Es singen mehr Besucher als erwartet auch die etwas schwierigeren Antiphonen mit. Das ist schön. Der Text einer Antiphon (Benediktinisches Antiphonale III, S. 458, Antiphon 4 im VIII. Ton) spricht mich in meiner Situation spontan an: „Jesus streckte die Hand aus, * ergriff ihn und sagte zu ihm: Petrus, warum hast du gezweifelt? – Und sogleich legte sich der Wind.“ Ich fühle mich gemeint. Und getröstet.

Im Schweigezimmer ist für drei Personen gedeckt, ich bin der erste, aber die beiden Damen kommen gleich nach. Es gibt gebackenen Camembert, Brot, Käse und Salate von gestern. Schweigen gut, alles gut.

Jetzt weiß ich bereits, dass es zügig weitergeht mit der Komplet. Also nur kurz in die Zelle und innehalten. Auf dem Flur toben und rennen wenige Kinder. An der Kirche angekommen, erkenne ich, dass heute – in Abweichung zum sonstigen Plan – die Komplet 25 Minuten früher begonnen hat bereits weit fortgeschritten war. Ich verzichte auf eine Teilnahme und orientiere mich über den Gottesdienst- und Speiseplan für den morgigen und übermorgigen Tag. Zurück in die Zelle und mitgebrachte Hausaufgaben erledigen. Die Kinder toben immer noch eine Weile, gegen 20 Uhr kehrt etwas mehr Ruhe ein, allerdings erweisen sich die Soldatenfamilien als recht rege bis deutlich um 23 Uhr.

 

Samstag, 23.2.2013, Gedenktag des Hl. Märtyrers Polykarp, Bischof von Smyrna im 2. Jh.

Die Nacht war unruhig und durchbrochen; vielleicht hatte ich tagsüber zuviel geruht. Es hat geschneit und es schneit immer noch. Dünne Flocken fallen auf eine Gegend wie von Puderzucker.

Schnee-Abtei

Wie gestern bete ich um 6.30 Uhr die Laudes aus meinem Brevier und gehe dann nicht zur Konventmesse, sondern zur kleinen Messe in der Krypta. Diese ist wieder sehr heimelig mit sieben Glaubensgeschwistern und dem gleichen Zelebrationsteam wie gestern. Auch heute hält der Zelebrant zusätzlich zur Statio noch eine kurze Homilie zur Person und dem Märtyrertod des Polykarp. Das alles tut sehr gut.

Für mich wird mir klar, dass wir immer und immer wieder Christus neu suchen sollen. Der Alltag unseres Glaubens kann uns einschläfern und unsere Wahrnehmung auch gegenüber unserem Herrn verschleiern. Diese Exerzitien dienen mir dazu. Das ist gut so.

Der Speisesaal, wo das Frühstücksbuffet aufgebaut ist, ist nun gut belegt mit älteren Gästen und Angehörigen einer Hochschulgemeinde. Es gibt Bienenhonig aus einer Glasschüssel: Das sieht nach Imkerhonig aus und schmeckt auch so: Prima. Es ist schön, mit dem Teller im Schweigezimmer verschwinden zu dürfen. Das gute Frühstück wieder mit den beiden Damen. Mittlerweile entspannter und gewohnter. Angenehm.

Es ist 8 Uhr; ich ziehe mich in meine Zelle zurück und reflektiere. Ich erwische mich bei dem Gedanken, wie es wäre, hier zu leben, Gäste und Pilger geistlich zu begleiten und Gespräche zu führen. Und mir wird klar, dass ich genau das bereits schon die ganze Zeit zu Hause tue. Dort ist mein Dienst in genau gleicher Weise wertvoll. Danke.

4-Türme-Verlag

Halbe Stunde Erkundungsgang über das Klostergelände. Hier gibt es alles. Schreinerei, E-Werk, Goldschmiede, Kreativwerkstatt, Galerie etc. pp. Es schneit dünn und beständig weiter. Ein Auftrag zum Ruhegeben. Mach ich. Theologische Lektüre und Vorbereitung des Verlesens des Fasten-Hirtenbriefes unseres Kardinals – der Brief ist sehr gut und sehr, sehr lang.

Die Zeit vergeht wie im Fluge. Mittagshore mit sehr vielen Besuchern, auch geschätzt über 40 Schülerinnen und Schülern, teilweise Grundschulalter. Alle machen mit verhalten sich erstaunlich diszipliniert. Der Hauptteil der Mönche ist ebenfalls dabei.

Im Schweigezimmer ist für zwei Personen gedeckt. Die Suppe steht bereits auf dem Tisch. Ich warte einen Augenblick, um eine echte Tischgemeinschaft mit der anderen Person zu bilden. Es kommt lange niemand und ich entschließe mich, zu beginnen. Nach einiger Zeit kommt eine Küchendame, um das Hauptgericht zu bringen. Sie wundert sich auch, dass die Dame fehlt. Es gibt nach der leckeren Kartoffel-Möhren-Suppe einen gefüllten Braten mit Spätzle, Soße und Möhrengemüse, dann eine Schokocreme. Alles sehr gut. Ich beende das Mittagessen allein. Auch mal ganz schön. Aber was wohl mit der Dame passiert ist? Man macht sich schon auch Gedanken. Wir waren immerhin eine Gemeinschaft, auch wenn wir schwiegen.

Es schneit immer noch fein, aber beständig und man hat den Eindruck, dass die Sonne ganz dicht hinter den Wolken lauert, so hell ist es. Auf dem Flur toben die Kinder der Soldatenfamilien.

Der Kuchen ist lecker und der Kaffee gibt neuen Schwung. Es ist schön, sich wieder besser konzentrieren zu können, als in den letzten Tagen zu Hause.

Ich habe Radio-Nachrichten gehört. Die Welt wird nicht vernünftiger, sondern eher wahnsinniger. Es gibt keine Umkehr zur Wahrheit, sondern eine Steigerung der Verdrehungen. Ich muss schreiben. Die Texte fließen ruhig und zügig aus der Tastatur: „Sich schweigend äußern“. Ich komme langsam wieder ins Lot. Der Schnee wird dünner und es wird noch heller.

Wohnhaus

Ein weiterer Rundgang lässt die Wohngegend um das Kloster nicht wirklich attraktiver erscheinen. Die Gepflegtheit der Anwesen wirkt auf eine spezielle Weise aggressiv/gewalttätig oder zumindest übergriffig und unsensibel. Die Vorgärten wirken entweder tot oder überladen, verputzte und schön getünchte Fassaden grenzen an unverputzte Seitenwände. Das alles atmet eine gewisse motzige Vordergründigkeit. Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, selbstverständlich. Wie gesagt: Nicht so ganz meins. So langsam kommt schon wieder eine gewisse Sehnsucht nach der Heimat auf. Das ist ein gutes Zeichen: Offenbar ist die Hauptaufgabe hier erfüllt.

Auf dem Flur wird es wieder lauter. Auf dem Weg zur Vesper weiche ich einem ca. 4-5jährigen Elfmeterschützen aus, der gerade anläuft. Das ging noch einmal gut. Um die Ecke kicken sich zwei ca. 7jährige zu. Ich weiche dem Ball aus, der von vorne kommt und werde dafür von hinten am rechten Ellbogen angeschossen. Kein Wort von den Kindern. Eine Mutter tippt in ihr weißgetigertes Handy, eine zweite lädt andere Kinder zum Mitspielen – wohl zum Fussballmatch auf dem Flur – ein. Auch von diesen kein Wort. Ich gehe mit gemischten Gefühlen weiter.

Die Vesper ist gut gefüllt und als Sonntagsvesper mit Hauptzelebrant und Administration. Es ist meine letzte Vesper in Münsterschwarzach für diesen Aufenthalt. Irgendwie bin ich insgesamt bei unseren Stundengebeten mehr beim Text und in der Andacht. Hier muss man doch auf so viele Dinge achten. Trotzdem ist ein gutes Gebetsgefühl vorhanden.

Im Schweigezimmer ist nur ein Gedeck auf dem Tisch. Schön. Ich lasse es mir schmecken und leere die ganze Kanne Tee. Welch ein Abschluss! Denn heute ist keine öffentliche Komplet vorgesehen.

Um 19 Uhr bin ich auf der Zelle. Ein gutes Gefühl, für heute und für diesen Aufenthalt quasi „fertig“ zu sein. Es ist so eine „Feierabend-Stimmung“. Fühlt sich gut an. Ein paar Zimmer weiter wird wild auf einem Klavier geklimpert. Das legt sich aber dann und diesmal ist schon vor 22 Uhr weitestgehend Stille auf dem Flur. Ich bete die Komplet aus dem Brevier. Dann ist „Sonntag“.

Ich habe mir ein Viertel Müller-Thurgau im Bocksbeutel gegönnt, welches ich nun genießen kann.

Sonn-Abend. Angenehm.

 

Sonntag, 24.2.2013, Fest „Hl. Matthias, Apostel“, Abreise

Trotz einer kurzen Schlafunterbrechung, war die Nacht sehr ruhig und der Schlaf gut. Wie jeden Morgen hier brauche ich auch am Sonntag den Wecker nicht. Es schneit wieder dünn und beständig.

Um 6.45 eigene Laudes aus dem Brevier, dann um 7.30 Heilige Messe in der Krypta. Es sind sicher 50 Glaubensgeschwister dabei, die Kapelle ist fast voll, dazu gibt es Orgelbegleitung. Der Pater, ein anderer als der Zelebrant der letzten zwei Tage, hält seine Homilie über das Tagesevangelium der „Verklärung Christi“ auf dem Berg Tabor. Und über die Ungeduld der Menschheit, solche Verklärungsmomente, ein paradiesisches Gefühl schon hier in der Welt haben zu wollen und damit die Welt immer wieder zu verletzen und zu vergiften. Durch die Lektüre der Leidensgeschichte Jesu am gestrigen Abend („Jesus von Nazaret- Was er wollte-wer er war“ von Gerhard Lohfink) ist mir das Leiden Jesu sehr plastisch vor Augen und beim Agnus Dei bin ich sehr angerührt. Diese intensive Mitfeier heute morgen ist für mich ein besonderes Geschenk. Ich werde nicht perfekt werden, immer wieder scheitern, aber ich darf hoffen. Und das gibt Mut und Zuversicht. Bitte erhalte mir das, Herr.

Schweigezimmer

Im Schweigezimmer ist bereits das Mittagsgedeck für eine Person zu sehen. Ich gehe in den Speisesaal und bin zu Tisch mit zwei bayrischen Männern, die sich über hiesige Klöster und Kirchen unterhalten. Wir wechseln einige freundliche Sätze und ich kann dann schweigend weiter frühstücken. Ich bin zufrieden.

Nach 8.30 bin ich wieder auf der Zelle. Innehalten, reflektieren, beten. Ich bin dankbar für diese Zeit hier. Ich bringe schon etwas Gepäck zum Auto, fege den Schnee ab und kratze die Scheiben frei. Das braucht auch seine Zeit. Es sind nicht ganz 10 cm Schneeauflage herunter zu kehren. Auch dieser feine Fusselschnee läppert sich mit der Zeit.

Die Sachen gepackt. Der Verkehrsbericht sagt für meine Strecken keine Störung voraus.

Die Sext, die Mittagshore, ist heute hier um 11.45 Uhr. Dann Mittagessen im Schweigezimmer.

Es geht mir gut. Ich kann wieder gehen. Nach Hause.

 

Bilanz:

A. äußere Bedingungen:

Wetter: bewölkt/hochneblig, Dauer-Fusselschnee, teilweise sonnig, nicht sonderlich windig – OK.

Unterkunft: moderner Standard – keine Mängel

Verpflegung: klösterlich, aber reichlich – sehr gut.

B. persönliche Bedingungen:

Gesundheit und allg. Befinden: fühle mich gut, entspannt.

Geistliche Verfassung: deutlich besser als bei der Ankunft, versöhnter, nicht euphorisch

Fazit:

Mein Ziel der besseren Aussöhnung und mehr spirituelle Anbindung an Christus ist erreicht. Es ist ein großes Kloster und für mein Empfinden vielleicht etwas zu groß. Das schmälert die geistliche Dimension allerdings nicht und es war auch so eine schöne Erfahrung.

Offenbar brauche ich solche Aufenthalte öfter. Es wird demnächst ein kleineres Kloster sein, aber sicher nicht erst am Ende des Jahres.

Und es ist immer wieder schön, sich auf Zuhause zu freuen.

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